Seit 26 Jahren arbeite ich daran, irgendwann mal sämtliche Bahnstrecken in ganz Deutschland gefahren zu sein. Das war noch nie so einfach wie jetzt, weil: Deutschland-Ticket. Es war aber auch noch nie so schwierig wie jetzt, weil: extreme Unzuverlässigkeit der jahrzehntelang kaputtgesparten Deutschen Bahn und ständige Streckensperrungen.
Nächste Woche darf ich eine Konferenz in Bielefeld besuchen. Da bietet es sich an, schon am Wochenende nach NRW zu fahren. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es noch so viele unerschlossene Bahnstrecken für mich wie am Nordrhein und in Westfalen. Zum Beispiel die Strecke nach Xanten. Die ist aber gerade gesperrt. Oder die nach Borken. Die ist aber gerade gesperrt. Oder die von Dorsten nach Coesfeld. Die ist aber gerade gesperrt. Oder die nach Winterberg. Die ist aber gerade gesperrt. Oder die von Unna nach Neuenrade. Die ist aber gerade gesperrt. Oder die von Hagen nach Lüdenscheid. Die ist aber gerade gesperrt.
Tja, mein Wochenend-Schwerpunkt wird wohl eher auf Straßenbahnstrecken liegen. Die will ich ja auch irgendwann mal alle gefahren sein. Und trotz diverser Aufenthalte insbesondere im Ruhrgebiet fehlt mir auch da noch einiges. Ich werde heute in Krefeld beginnen und übermorgen in Bielefeld enden. Aber erstmal hinkommen... „Reparatur an der Oberleitung“ nennt der DB-Zufallsgenerator als Begründung, warum mein ICE aktuell 53 Minuten Verspätung hat. Weil es ein Ersatzzug ist, gibt es meine Reservierung nicht mehr. Und „ab Köln sollen unsere Gastronomiemitarbeiter zusteigen“, also Kaffee gibt es auch nicht. Es ist der Deutschland-ICE mit der schwarz-rot-goldenen Bauchbinde. Mehr Symbolik für den Zustand des Landes als dieser unbequeme, verspätete Ersatzzug ohne gastronomischen Service geht gar nicht.
Bis Frankfurt Flughafen sammeln wir noch ein bisschen mehr Verspätung. “Please hurry up for the connection train” klingt es unfreundlich aus dem Lautsprecher, wie wenn die Fahrgäste schuld wären an der Verspätung.
Nach langem Stillstand in Siegburg/Bonn, wo der Zug eigentlich gar nicht halten soll, kommt endlich eine Durchsage, die erklärt, warum wir auf unbestimmte Zeit festhängen. Einerseits frustrierend. But sä inglisch pronaunzmänd mäkes it ä bid fanni.
"We continue our journey not with high speed" heißt es, als die Fahrt endlich weitergeht. Sie geht seeehr langsam weiter. 2:24 Minuten braucht der Zugchef, um zu verkünden, dass es im eigentlich geschlossenen Bordbistro jetzt kostenlos Wasser und Verspätungsgutscheine gibt. Die Langsamkeit der Durchsage passt zu der des Zuges. Der arme Durchsager kann einem nur leidtun.
Mit gut 80 Minuten Verspätung erreiche ich irgendwann doch noch Köln. Der nächste Zug nach Krefeld hat ebenfalls Verspätung, also bleibt Zeit für die Espressobar am Bahnhofsvorplatz, in der tatsächlich Italienisch gesprochen wird. Ich mag sie vor allem deshalb.
Krefeld
Die Samt- und Seidenstadt Krefeld war einmal die reichste Stadt des Deutschen Reichs. Das ist lange her. Mit über 230.000 Einwohnern ist sie nur die vierzehntgrößte Stadt Nordrhein-Westfalens. Das zeigt, wie dicht besiedelt Deutschlands bevölkerungsreichstes Bundesland ist. Die höchste Erhebung der Stadt ist eine Schuttdeponie, die zweithöchste Erhebung ist eine Hausmülldeponie. Aber genug Wikipedia-Recherche, rein ins Getümmel: ich steige in die erste Straßenbahn die kommt und lande am „Edelstahlwerk, Tor 3“. Am einstigen Sitz der „Deutsche Edelstahlwerke AG“ wird seit 2013 kein Stahl mehr produziert. Folgerichtig wurde die Straßenbahnstrecke zur ehemaligen Hauptverwaltung der Thyssen-Edelstahlwerke damals stillgelegt. 2010 bin ich die mal gefahren - die einzige Straßenbahnstrecke Krefelds, die ich schon gefahren bin, gibt es nicht mehr. Folglich „muss“ ich heute das gesamte Netz abfahren. Das bedeutet: vier Linien und knapp 37 Kilometer schmalspurige Streckenlänge. Theoretisch plus die normalspurige Stadtbahnlinie aus Düsseldorf, aber die kenne ich schon, und - man ahnt es vielleicht - die ist gerade gesperrt.
Ich mache das, was ich nun mal gerne mache: Ich lasse mich mit der Straßenbahn durch die Stadt treiben und bin gespannt, was man da so alles sieht. In Krefeld ist es: viel Gründerzeit und Jugendstil. Aber auch: viel Armut und Leerstand. Eine Bundeskegelbahn. Ein Waschbetonbau mit lila Balkongeländern. Im Zentrum viele quirlige Geschäfte mit Migrationshintergrund, in den Außenbezirken prächtige Gutshäuser und eine alte Windmühle. Viele Gebäude stehen zwar unter Denkmalschutz, aber leer.
Wie so viele Städte in der Metropolregion Rhein-Ruhr ist auch Krefeld eigentlich eine Dörferagglomeration. Drei dieser Dörfer haben einen sehenswerten historischen Ortskern: Uerdingen, Linn und Hüls. Welch Glück, dass alle drei mit der Straßenbahn erreichbar sind. In Uerdingen spaziere ich durch das hübsche Zentrum und zum Rheinufer. Und weil es so schön ist, spaziere ich gleich weiter bis zum Rheinhafen Linn, wo ich die nächste Straßenbahnlinie erreiche. Diese fährt bis nach Hüls, das in der Tat auch einen überraschend dörflichen alten Kern hat. Ich schlendere hindurch und lasse mir einen Kaffee schmecken.
Die eigentliche Innenstadt von Krefeld ist reichlich unspektakulär - vereinzelt wilhelminischer Pomp, aber überwiegend Nachkriegsnüchternheit. Entsprechend steige ich bald wieder in die nächste Straßenbahn. Linie 041 fehlt noch. Aber weder der westliche Streckenast nach St. Tönis noch der südliche nach Fischeln reißen mich vom Hocker. Immerhin: die Hocker in den Flexity-Niederflurbahnen sind vergleichsweise bequem und es ist heute immer einer frei.
Vor dem Einstieg in die 041 hatte ich noch ein Pufferküsserhighlight fotografiert: Ein Dreischienengleis, das zum Vierschienengleis wird (Schmalspurstraßenbahn und Normalspurstadtbahn teilen sich an der Dreikönigenstraße den selben Bahnsteig).
Nach sechs Stunden in der Stadt habe ich das Straßenbahnnetz von Krefeld komplettiert und die schönsten Stadtteile gesehen. Auf der Bucketlist für den nächsten Besuch stehen noch: das Deutsche Textilmuseum und das Restaurant im alten Nordbahnhof (das heute geschlossen ist). Jetzt geht es weiter Richtung Essen. Ich habe schließlich Hunger.
Essen
Weil auch die Bahnstrecke Duisburg - Essen gerade gesperrt ist, werde ich über Altenessen umgeleitet und fahre von da mit der Straßenbahn in die Stadt. Kommt mir ganz gelegen, schließlich bin ich diese Straßenbahnstrecke noch nie gefahren. Allerdings muss ich bald darauf feststellen: die anderen beiden Straßenbahnstrecken in Essen, die ich noch nicht kenne, sind derzeit - ganz genau, gesperrt. Bleibt mir an neuen Strecken nur noch die U-Bahn zur Gruga - allerdings komme ich dort zu spät an, der Grugapark und die dortige Parkeisenbahn sind schon geschlossen - und ein abendlicher Abstecher nach Gelsenkirchen, wo mir noch genau eine Haltestelle (Essener Str.) fehlte. Mühsam ernährt sich der Bahnstreckensammler.
Ein unerwartetes "Highlight" vor dem Einchecken ins Hotel: die Rolltreppe des U-Bahnhofs Viehofer Platz führt von -1 direkt nach +1, also vom U-Bahnsteig auf eine Brücke. Auf der Brücke muss man dann die Straße überqueren und sich aufwendig wieder nach unten schlängeln, während die Autos auf Ebene 0 freie Fahrt haben. Das Leitbild der autogerechten Straße, fast in Reinform umgesetzt. „Ich hab mich schon gefreut, ich dachte Benz“. Auch der Rezeptionist ist autofreundlich - und enttäuscht, als er auf meinem Ausweis dann doch „Belz“ liest.
Am nächsten Morgen ist die Innenstadt, die am Samstagnachmittag noch voller shoppender Passanten war, wie leergefegt. Ich bin nicht der einzige mit Rucksack, aber alle anderen sind obdachlos, ich komme gerade aus einem 4-Sterne-Hotel. Warum ist Deutschland so ungerecht, und was kann ich daran ändern? Fragen, sie sich stellen, wenn man am Sonntagmorgen um acht durch die Fußgängerzone von Essen schlendert. Der erste Satz, den ich außerhalb des Hotels höre, ist „halt deine Fresse, bevor ich dein Gesicht eintrete!“. Zum Glück meint sie nicht mich. Ein bisschen Berlin-Vibes, aber hier im Pott meint man das nicht so.
Ich lasse die Streitenden zurück und gehe weiter zum Bahnhof. Kurz davor sehe ich zum ersten Mal eine Dönerbude von Lukas Podolski.
Bochum
Nach kurzer Fahrt verlasse ich den Bochumer Hauptbahnhof - und stehe schon wieder vor einer Lukas Podolski Dönerbude. Die Bochumer Filiale liegt passenderweise direkt an der Deutschen Fußballroute. Mein Ziel ist aber keine Dönerbude, sondern das Stadtentwicklungsprojekt Mark 51°7 im Stadtteil Laer. Von 1736 bis 1960 wurde dort Kohle abgebaut. Nach dem Ende der Zeche Dannenbaum gab es keine Massenarbeitslosigkeit, sondern erfolgreichen Strukturwandel: im 1962 eröffneten Opel-Werk wurden zeitweise 105 Kadetts pro Stunde gebaut. Auch Manta und Ascona liefen hier vom Band. Das waren noch Zeiten, als es noch Opels gab, deren Namen man kannte. Mit dem Zafira war dann Schluss: 2014 wurde das Werk geschlossen. Wieder war Strukturwandel nötig, und wieder hat man sich an Neues gewagt: ein DHL Paketzentrum sowie ein Industrie-, Technologie- und Wissenscampus samt Max-Planck-Institut für Sicherheit und Privatsphäre bieten heute 3.500 Arbeitsplätze, es gibt Potential für deutlich mehr. Das alte Opel-Verwaltungsgebäude steht noch (unter Denkmalschutz), der Schriftzug auf dem Dach lautet jetzt „O-Werk“. Statt dem hässlichen Großparkplatz, den ich bei einer Uni-Exkursion zum damals noch bestehenden Werk 2008 gesehen hatte, gibt es heute viel Begrünung und seit 2023 auch einen Straßenbahn-Anschluss. Diese Straßenbahnstrecke habe ich nun gesammelt und mal wieder festgestellt: das Ruhrgebiet kann Strukturwandel. Auch zweimal am selben Ort. Moderne Straßenbahn kann es auch: in Bochum fahren ausschließlich niederflurige Variobahnen. Besonderheit: es gibt keine Türdrücker, die „Tür öffnet bei Annäherung“.
2017 und 2020 wurden in Bochum-Langendreer neue Straßenbahnstrecken eröffnet, die sammele ich nun anschließend und verbinde das mit einem kurzen Aufenthalt im Zentrum von Witten. Die weiterführende Strecke nach Höven ist gerade - richtig, gesperrt. Damit habe ich mir das 86 Kilometer lange Straßenbahnnetz der BoGeStra (Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen) nun vollständig erschlossen und kann mich neuen Aufgaben widmen.
Enschede - ach ne, doch nicht
„94 Euro 50 in Richtung Paris Nord“ kündigt die automatische Bandansage der Deutschen Bahn den EUR 9450 nach Paris an. Die KI weiß noch nicht, dass Thalys jetzt Eurostar heißt. Mich interessiert ein anderer Anschlusszug: der RE nach Minden. Mit dem will ich nach Hamm, von da nach Münster und dann der eigentliche Plan für den Nachmittag: von Münster über Enschede nach Dortmund. Zwei Bahnstrecken, die ich noch nicht kenne - und die Chance auf Pommes Spezial in den Niederlanden.
Im Hotelzimmer hatte ich heute früh WDR4 gehört. „Nur noch 70 % der Regionalzüge sind pünktlich“, wurde da berichtet. „Süß“, hatte ich mir gedacht. Was würde ich darum geben, wenn 70 % der Regionalzüge zwischen Esslingen und Stuttgart pünktlich wären... Jetzt sitze ich aber in einem der 30 % und hänge vor Kamen fest. Der Anschlusszug in Hamm wartet nicht, das Kartenhaus fällt zusammen. Will ich jetzt eine Stunde in Hamm rumhängen? Eigentlich nicht. Ich recherchiere so lange im Navigator mögliche Alternativen, bis wir in Hamm ankommen. Bin also nicht mehr dazu gekommen, auf die Zugtoilette zu gehen. Mein Ersatzplan steht jetzt: über Soest zurück nach Dortmund (damit ich rechtzeitig zurück bin, um noch Seilbahn zu fahren), die Strecke Soest – Dortmund kenne ich auch noch nicht. Aber erstmal Bahnhofstoilette. Ich bin sozusagen nur zum k* nach Hamm gefahren.
Der Zug nach Soest hat auch Verspätung, mir bleibt dort genau eine Minute, um den Bahnsteig zu wechseln. Bahn fahren hält fit, ich kriege den Zug.
Die Fahrt auf der Hellwegbahn von Soest nach Dortmund nervt ein wenig: Hinter mir streitet sich sehr laut ein schwules Pärchen, gegenüber schimpft eine Frau noch lauter in ihr Handy, während ihre beiden Kinder auch nicht gerade leise sind. Der Mann links von mir hat auch genug und trinkt erst aus einer Flasche Ramazzotti, dann aus einer Flasche Cola. Im Magen vermischt sich das wohl. Um 12:23 Uhr.
Weil die Tür in Kinderwagennähe kaputt ist - was eigentlich sehr deutlich markiert war -, muss in Unna der Zwillingskinderwagen der schimpfenden Frau durch das Großraumabteil zur nächsten Tür durchgereicht werden und die Tür so lange aufgehalten werden. Interessante Verspätungsursache.
Dortmund
In Dortmund-Hörde verlasse ich den Zug und spaziere erstmal zum Phoenix-See. Bei meiner Uni-Exkursion 2008 waren wir auch hier. Damals war zwar das Stahlwerk Hermannshütte schon abgerissen, aber vom See und den umliegenden Neubauten gab es noch nicht viel zu sehen. Der Phoenix-See wurde ab 2010 geflutet. Ich bin überrascht, wie belebt das Ufer heute ist. Eine Transformation, die offensichtlich funktioniert hat.
In Phoenix West auf der anderen Seite der Bahngleise ist der denkmalgeschützte Hochofen stehengeblieben, drumherum hat sich ein Technologiepark entwickelt. Die Bahnstrecke, auf der das Roheisen einst von Phoenix West nach Phoenix Ost gefahren wurde, ist heute ein Radweg. So sieht Strukturwandel aus.
Mein nächstes Highlight ist der Westfalenpark. Selbstverständlich fahre ich nicht den kürzesten Weg, sondern nehme unterwegs noch zwei Stadtbahn-Endhaltestellen mit.
Im kostenpflichtigen Park ist heute Flohmarkt und somit die Hölle los. Aber deshalb bin ich nicht gekommen. Auch nicht wegen Rosarium, Teichen und Sonnensegel (sozusagen der Prototyp des Münchner Olympiastadions). Bereits drei Mal - 1959, 1969 und 1991 - hat im Westfalenpark eine Bundesgartenschau stattgefunden. Jedes Mal wurde der Park umgebaut, und auch heute gibt es wieder Baustellen zur weiteren Attraktivierung. Aber zwei Attraktionen gibt es schon seit der Gartenschau 1959, wegen denen bin ich gekommen: die „Seilbahn“ und die Kleinbahn. Der 500 Meter lange Sessellift überwindet 23 Meter Höhenunterschied, folgerichtig gibt es eine Talstation und eine Bergstation. In den offenen Kabinen sitzen und das Flohmarkttreiben von oben betrachten macht mir deutlich mehr Spaß, als mich unten durch die Massen zu kämpfen.
Die Parkeisenbahn führt auf einer Spurweite von 600 mm 2,7 Kilometer lang durch den Westfalenpark. Die kleinen Lokomotiven werden von einem Akku angetrieben. Man blickt auf verschiedene Teile des Parks und immer wieder auf den Florianturm. Letztendlich entscheide ich mich spontan, dass ich auf den jetzt auch noch hochfahre, wenn ich schonmal hier bin. 219 Meter ist das Ding hoch und steht ebenfalls schon seit 1959 im Westfalenpark. Die Aussicht von oben auf Dortmund, Ruhrgebiet und Sauerland ist in der Tat beeindruckend, zumal bei diesem Traumwetter. Und alles ist so herrlich grün.
Ich habe mich nun entschieden, den Rest des Tages in Dortmund zu bleiben und noch ein paar Stadtbahnstrecken zu sammeln. Leider ist zwischen Kirchderne und Grevel Schienenersatzverkehr, sonst hätte ich sogar das Netz komplettieren können.
Auf dem Außenast nach Brambauer fährt man vorbei an Pferdekoppeln und Fachwerkhäusern, im Hintergrund der Kühlturm von irgendeinem Kohlekraftwerk. Das ist Ruhrgebiet. In Brambauer Krankenhaus amüsiere ich mich über das Schild „Liegendanfahrt“, im Brambauer Verkehrshof freue ich mich über einen richtig leckeren Espresso.
Während ich so durch Dortmund bummele, kommen immer wieder Pushmeldungen zu den Verbindungen, die ich mir im DB Navigator gespeichert hatte. Das Ergebnis: ich wäre niemals in Enschede angekommen. Und wenn doch, wäre ich von da nicht nach Dortmund zurückgekommen, beide Züge sind ausgefallen. Die Bahn hat sich selbst aufgegeben, auch in Nordrhein-Westfalen...
Nach einem spannenden Tag in Dortmund fehlt mir noch ein spannendes Verkehrsmittel. Das fährt aber nur an Werktagen, also muss ich es am nächsten Morgen vor meiner Weiterfahrt noch einbauen: die H-Bahn. Seit 1984 verbindet eine Hochbahn Nord- und Südcampus der TU Dortmund, in den Jahrzehnten danach wurde sie unter anderem zum Technologiepark verlängert. Die Strecke ist gut drei Kilometer lang, die Höchstgeschwindigkeit immerhin 50 km/h. In den Zügen ist heute Morgen nicht viel los, ich habe meist die Pole Position an der Fensterscheibe und kann aus der Vogelperspektive fotografieren. Die Zweigstrecke zur Station Campus Nord ist derzeit – richtig, gesperrt. Ich kann also nicht das Gesamtnetz komplettieren und muss irgendwann an einem Werktag nach Dortmund zurückkehren - mühsam ernährt sich der Bahnstreckensammler...
Enschede - diesmal wirklich
Gestern wollte die Bahn nicht, heute versuche ich es noch einmal: ein Abstecher nach Enschede. Deutschland, Österreich, Italien, Slowenien, Frankreich, Türkei, Zypern, Serbien, Schweiz, Monaco, Liechtenstein: in 11 Ländern war ich 2026 bislang. Die Niederlande fehlten noch.
Auf dem Talent-Triebwagen klebt stolz ein Aufkleber „Enschede - Gronau 10 Jahre“. Die Strecke Gronau - Enschede wurde (1981 stillgelegt und) 2001 reaktiviert. Der Aufkleber klebt also seit 15 Jahren auf dem Zug, man könnte die 10 mal durch eine 25 ersetzen. Aber der Zug wirkt insgesamt so, wie wenn man sich in den letzten 15 Jahren nicht wirklich um ihn gekümmert hätte...
Nach den letzten Dortmunder Stahlbrücken taucht die Westmünsterland-Bahn schnell ins ländliche Münsterland ein. Das mag ich an Deutschland sehr: wie unterschiedlich die Landschaften (und mit ihnen die Dialekte und Mentalitäten) sind und durch wie viele verschiedene Länder man gefühlt reist, wenn man durch Deutschland reist.
Vor dem Zugfenster Felder, Wälder, Rehe, Kühe, Schafe. Pufferküsserhighlights unterwegs: der Turmbahnhof Dülmen, das Eisenbahnmuseum in Lette und das historische hölzerne Bahnhofsgebäude in Legden (heute in Privatbesitz, mit Hühnern im Vorgarten).
Im Bahnknoten Coesfeld gibt es streckensperrungsbedingt derzeit nur Anschluss nach Münster. Der Anschluss-LINT trägt die Aufschrift „Schleswig-Holstein. Der echte Norden“. Deshalb lassen sie also die Talent-Züge so vergammeln: weil sie gebrauchte, etwas modernere Züge aus Schleswig-Holstein übernehmen (wo mittlerweile noch modernere Batteriezüge im Einsatz sind). Die aus Schleswig-Holstein übernommenen Züge müssen sich nicht groß anpassen: sie fahren weiterhin durch flaches Land mit Windkraftanlagen am Horizont.
Ich bleibe im Zug sitzen. Das Münsterland bleibt landwirtschaftlich geprägt: Es geht die ganze Zeit an Äckern entlang, an den meisten geschlossenen Schranken wartet mindestens ein Traktor - und in Gronau überqueren wir einen Fluss, der Dinkel heißt. Vorher geht es noch durch Ahaus. Analog zum niedersächsischen Gorleben ein Ort, den man nur kennt, weil es hier ein Atommüll-Zwischenlager gibt.
Das Rock-n'Pop-Museum am Udo-Lindenberg-Platz in Gronau hat montags leider geschlossen. Das Museum und die alten Textilfabrikgebäude sprechen dafür, dass ich heute zwar zum ersten, aber nicht zum letzten Mal in Gronau bin. Nächstes Mal vielleicht mit dem Fahrrad auf dem umfangreichen Münsterländer Radroutennetz.
Die Durchsagen sind schon seit Dortmund Deutsch und Niederländisch, hinter Gronau wird es dann wirklich niederländisch: Westlich der Grenze sehen die Bahnsteige und die Häuser anders aus. Und dann ist auch schon Enschede erreicht. Ich verlasse den Zug, und das erste, was ich sehe: Fahrräder. Ein voll belegter Doppelstockparker direkt neben dem Gleis. Ich werde später sehen: Auf der anderen Seite des Bahnhofsgebäudes gibt es einen noch viel größeren Fahrradparkplatz. Und unter dem Bahnhofsgebäude ein richtiges Fahrradparkhaus. Und in der Innenstadt auch. Man muss nicht nach Utrecht fahren, um von Fahrradfreundlichkeit und Fahrradparkhäusern beeindruckt zu sein. Es reicht jede x-beliebige andere Stadt in den Niederlanden.
Das historische Zentrum von Enschede wurde im 2. Weltkrieg mehrmals versehentlich bombardiert, so sieht es auch aus. Nicht die schönste Stadt des Landes, aber trotzdem sympathisch. Viele kleine Häuser, viele süße Geschäfte, und wirklich jede und jeder in jedem Alter fährt mit dem Fahrrad. Dass die Innenstadt komplett autofrei und somit parkplatzfrei ist, fällt mir nur auf, weil ich vorher in Deutschland war. In anderen Ländern ist das ja durchaus normal.
Im Sparmarkt betreibe ich Greenwashing: ich will meinen umweltfreundlichen Mehrweg-Kaffeebecher nutzen, der passt aber nicht unter die Siebträgermaschine. Also nimmt der Verkäufer einen Pappbecher, schüttet den Kaffee in den Mehrwegbecher um und schmeißt den Pappbecher in den Müll. Ich fühle mich natürlich trotzdem voll umweltbewusst.
Zurück am Bahnhof sehe ich, dass der deutsche Zug an einem Prellbock endet, obwohl das Gleis weiterführen würde. Man möchte wohl die deutschen Züge davon abhalten, ihre Verspätungen ins niederländische Netz zu tragen. Hoffentlich erfährt die Schweiz niemals diesen Trick, sonst wird es bald keine ICs und ICEs mehr nach Zürich geben.
Über Umwege nach Bielefeld
Weiter geht es für mich mit der Euregio-Bahn nach Münster. Wieder geradeaus durch flaches Land, dieses Mal mehr Wälder als Felder. Und auch an dieser Strecke gibt es ein kleines Eisenbahnmuseum, in Metelen Land.
In Münster habe ich ausreichend Umsteigezeit, um mir die Fahrradstation anzuschauen. Es ist die größte in ganz Deutschland - kein Wunder, nirgendwo sonst im Land wird so viel Rad gefahren wie in Münster. Die Fahrräder parken in zwei Etagen, wobei ich ehrlich gesagt nicht verstehe, wie das Liftsystem funktioniert. Neidisch bin ich bei dem Angebot „Fahrradwäsche 6 €“ - da möchte man doch glatt in Münster wohnen und sein Fahrrad nicht mehr selber putzen müssen.
13:03 Uhr: Der Zug nach Osnabrück, in dem ich sitze, soll eigentlich losfahren, das Signal zeigt aber noch Halt, ein verspäteter ICE darf zuerst raus.
13:04 Uhr: Ich erhalte eine Pushmeldung vom DB Navigator, dass der Anschlusszug von Osnabrück nach Bünde ausfällt. Streckensperrung. Damit funktioniert mein Plan nicht mehr, vor meiner Verabredung in Bielefeld noch die Bahnstrecke Bünde - Rahden zu sammeln. Schnell recherchiere ich eine Alternative.
13:05 Uhr: Ich verlasse den Zug, der zum Glück immer noch nicht losgefahren ist, wieder und renne blitzschnell auf den Nachbarbahnsteig.
13:06 Uhr: Die Eurobahn nach Paderborn fährt pünktlich los, ich krieg sogar noch einen Sitzplatz, obwohl „mehrere Wagen fehlen“. Die Bahnstrecke Paderborn - Bielefeld bin ich auch noch nie gefahren, dann sammele ich halt die und verschiebe Rahden auf ein anderes Mal.
Zum zweiten Mal in zwei Tagen fahre ich also ungeplant die Bahnstrecke Hamm - Soest. So nervig die Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn auch sein mag, so wunderbar ist die Flexibilität des Deutschland-Tickets.
Am Bahnhof Lippstadt fällt mein Blick auf ein Fahrrad-Mural an einer Betonmauer. Ich muss an Rainald Grebes Lied „Urlaub in Deutschland“ denken: „In Afrika gibt's Affen, das wussten Sie sicherlich - dass die Lippe durch Lippstadt fließt, das wusst' ich nicht“.
In Paderborn verpasse ich natürlich den Anschluss, weiter nach Bielefeld geht es aber halbstündlich. Es gelingt mir, in 28 Minuten in die Innenstadt zu laufen, ein paar Eindrücke von Paderborn zu gewinnen, einen guten italienischen Espresso zu genießen und mit dem völlig unverständlichen Stadtbussystem zurück zum Bahnhof zu fahren.
Die Bahnstrecke von Paderborn nach Bielefeld nennt sich Sennebahn. Sie führt vorbei an Sennelager und Sennestadt. Am Bahnhof Hövelhof verkündet ein Schild: „Das Tor zur Senne“. Alles Senne, oder was? In Anlehnung an Rainald Grebe frage ich mich: „Der Mississippi fließt durch Mississippi, das wussten Sie sicherlich, aber ob Senne ein Fluss oder ein Gebirge ist, das weiß ich nicht“. Wikipedia schreibt: „Die Ems entspringt in der Senne“. Die Senne ist also kein Fluss, sondern eine Landschaft. Genaugenommen: eine Heidelandschaft am Westrand des Teutoburger Waldes. Wieder was gelernt, Bahn fahren bildet.
Ich fahre nicht bis Bielefeld Hauptbahnhof durch, sondern steige schon in Brackwede aus, wo die Sennebahn auf die Hauptstrecke Ruhrgebiet - Hannover trifft. Hier kann ich nämlich gleich auf die Stadtbahnlinie 1 wechseln. Der Eisenbahnstreckensammler wird wieder zum Straßenbahnstreckensammler: 4 Linien und 42 Kilometer umfasst das einzige meterspurige Hochflur-Stadtbahnnetz Deutschlands. Drei Streckenäste kenne ich schon von einem früheren Besuch in Bielefeld, fünf fehlen noch.
Ich lerne im DB Navigator, dass „Senne, Bielefeld“ etwas völlig anderes ist als „Bielefeld-Senne“. An letzterer Station habe ich vorhin mit der Sennebahn gehalten, zu ersterer fahre ich jetzt mit der Stadtbahn. Nach der Haltestelle Sennefriedhof kommt die Endstation Senne. Weiterhin alles Senne. Während die Endstation ein 70er-Jahre-Museum ist und mich der Rendezvous-Bahnsteig zwischen Stadtbahn und Stadtbus an Herzblatt erinnert, ist der restliche Streckenabschnitt zwischen Senne und Brackwede in den letzten Jahren richtig schön neu gestaltet werden. Aus dem Fenster sehe ich ein Sushirestaurant in einem Fachwerkgebäude von 1550 (so etwas habe ich nicht einmal in Japan gesehen) und eine grimmige Frau auf dem Balkon eines Hauses mit der Aufschrift „happy lady“.
In der Innenstadt treffe ich meinen früheren Kommilitonen Sebastian, der seit ein paar Jahren in Bielefeld wohnt. Gemeinsam fahren wir noch ein bisschen Stadtbahn und entdecken u.a. alte Fachwerkhäuser in Schildesche und Betonbrutalismus am Unicampus, dann spazieren wir vorbei an der Bielefelder Alm (bekanntlich ein Fußballstadion) zur leckersten Pizzeria der Stadt.
Bevor am nächsten Tag die Deutsche Fußverkehrskonferenz - der eigentliche Reiseanlass - startet, komplettiere ich noch das Bielefelder Stadtbahnnetz und die Bahnstrecke nach Lemgo-Lettfeld. So habe ich jetzt auch den Teutoburger Wald gesehen - und einen ungewollt unterhaltsamen Schaffner erlebt („My English is little. Next train passport please, sonst sechzig Euro“).
Heimfahrt über Iserlohn
Die Konferenz ist vorbei, die Rückfahrt beginnt. Natürlich nicht ohne einen letzten Schlenker: die Strecken von Dortmund und Letmathe nach Iserlohn kann ich noch sammeln und erst in Hagen in den gebuchten IC steigen.
Von Dortmund nach Süden raus ist es gleich richtig schön: das Sauerland weiß zu begeistern. Die Strecke führt über die Ruhr und ins Gebirge, schnell ist der Endbahnhof Iserlohn erreicht.
Der Bahnhof Iserlohn wurde 2007 neu und durchaus attraktiv erbaut, ein paar alte Ziegelsteine an der Wand erinnern an das ursprüngliche Bahnhofsgebäude von 1864. „Stadtbahnhof Stadtinfo Stadtmarketing“ steht auf dem stattlichen Gebäude. Und „Waschsalon“. Die Züge aus Dortmund/Schwerte und Essen/Letmathe kommen gleichzeitig vor den beiden Prellböcken an und fahren gleichzeitig wieder raus. Eine Gleisverbindung gibt es nicht, bahntechnisch betrachtet ist Iserlohn also kein Bahnhof, sondern besteht aus zwei unmittelbar benachbarten Haltepunkten.
Ich schlendere kurz über den Bahnhofsplatz der größten Stadt im Sauerland. Am „Wanderbahnhof“ wird intensiv über die Stadt und die umliegenden Wanderwege (200 Kilometer im Stadtgebiet!) informiert. Dann steige ich in den RE Richtung Essen, der angeblich verspätet um 17:34 Uhr starten soll, aber dann doch pünktlich um 17:20 Uhr losfährt...
Nach wenigen Minuten bleibt der FLIRT in Letmathe dann doch länger stehen. „Der Ablöser“ kommt zu spät, wegen einer Signalstörung zwischen Witten und Wetter. „Ich kann mich nur entschuldigen, aber das ist höhere Gewalt, was soll man machen“, informiert der resignierte Lokführer. Ich mache mir Sorgen um die weitere Reisekette, aber die Anschlusssicherung scheint gewährleistet: der Anschluss-IC in Hagen und der Anschluss-ICE in Köln haben ebenfalls Verspätung.
Auf dem Bahnhofsvorplatz in Hagen komme ich mir immer vor wie ein Katastrophentourist. Irgendwann muss ich mich doch mal in die Innenstadt trauen, vielleicht ist die nicht ganz so abschreckend. Immerhin: das Bahnhofsgebäude wird gerade saniert. Endlich.
Durch Wuppertal (die Schwebebahn kann man aus dem Zugfenster sehen) und Solingen fährt der Doppelstock-IC nach Köln. Er würde auch noch weiter nach Stuttgart fahren, da will ich ja hin. Aber nachdem ich mich beim Elefantenrennen 2025 für die schönere Strecke durch das Mittelrheintal entschieden hatte, entscheide ich mich heute für die Schnellfahrstrecke über Montabaur.
Im DB-Fernverkehr funktioniert heute mal wieder gar nichts, ich verzichte auf meinen eigentlich gebuchten, aber viel zu späten, ICE, steige in Frankfurt Flughafen zusätzlich um komme nach 22 Uhr endlich zu Hause an. Die wunderbare Reise endet so, wie sie begonnen hatte: mit 25 % Entschädigungszahlung von der Bahn.
































































































.jpg)










