Venedig - Rom 2026: 2x Nightjet, 1x Frecciarossa

Nightjet Stuttgart - Venedig

Drei ungarische Wagen, die über Wien nach Budapest fahren. Drei kroatische Wagen, die über Ljubljana nach Zagreb fahren. Drei österreichische Wagen, die über Udine nach Venedig fahren. Und vornedran eine rote Taurus-Lokomotive. So sieht er aus, der Nightjet 237, der um 20:29 Uhr den Stuttgarter Hauptbahnhof verlassen soll. Er steht schon auf Gleis 16 bereit. Ich habe ihn da schon oft stehen sehen, noch nie bin ich eingestiegen. Heute ist es endlich so weit. Nur ein Sitzwagen - alles andere war ausgebucht - und leider alleine - meine Freundin ist krank -, aber trotzdem: endlich mal in Stuttgart in einen Nachtzug steigen. Und über Nacht Winter gegen Italien tauschen. 4°C sind es in Stuttgart an diesem 28. März, gestern hat es noch geschneit. Es kann nur besser werden.




Nachdem ich den Zug ausgiebig fotografiert habe, steige ich an der ersten Tür ein. Wagen 279 ist der erste Wagen, die Plätze 15 und 16 sind im ersten Abteil. Da warten schon eine Mutter und ihr Sohn - aber nicht auf mich und nicht auf die Abfahrt, sondern darauf, dass ein Schaffner kommt und ihnen ihr eigentliches Abteil aufschließt. “Da bist du 100mal!", deutet der Junge auf den Spiegel, in dem sich der gegenüberliegende Spiegel spiegelt, in dem sich...

Die Mutter kommt mit einer guten Nachricht zurück: das Abteil ist jetzt offen, sie können umziehen. Ich habe nun also das Sechserabteil für mich alleine und mache es mir gemütlich - bis der Schaffner kommt und mir erklärt, dass es sich um ein Dienstabteil handelt. Ich zeige ihm auf meinem Ticket, dass wir diese Plätze reserviert haben. "Also das ist doch..." Er unterdrückt Kraftausdrücke und schickt mich in das Nachbarteil. Auf meine Nachfrage versichert er mir, dass die beiden Fensterplätze dort bis Venedig frei sind. Ich richte mich also erneut ein und suche alles aus dem Rucksack, was ich für die Nacht zu brauchen glaube: Lektüre, Fahrkarte, Kopfhörer, Wasser, Schlafbrille, Handyladekabel. Der Rucksack verschwindet im Gepäckfach, die Schuhe unter dem Sitz. Und dann geht es auch schon los. Mit leichter Verspätung und geringer Geschwindigkeit setzen wir uns in Bewegung. Vor Bad Cannstatt überqueren wir den Neckar, danach erkenne ich in der Dunkelheit gar nicht mehr so viel. 

Um 20:41 Uhr rollen wir durch Esslingen, genau eine Stunde, nachdem ich hier in den MEX nach Stuttgart eingestiegen bin. Meine Freundin filmt vom Balkon den vorbeifahrenden Zug, in dem sie selbst gerne sitzen würde. Wir werden die gemeinsame Fahrt nachholen. Und sie kann hoffentlich bald nach Italien nachkommen.

 


Der erste offizielle Zwischenhalt ist Göppingen. Dort werden wir vom Regionalexpress überholt, der schneller als wir in Ulm sein wird. Das Tempo ist also gesetzt für die folgenden zwölf Stunden. Zwölf weitere Zwischenhalte werden folgen, bis wir morgen früh - laut Fahrplan um 8:34 Uhr - in Venezia Santa Lucia einrollen. Davor müssen noch Alb und Alpen überquert und ein paar Rangiermanöver durchgeführt werden. Der Zug holpert durchs Filstal. Die Lüftung rauscht. Meine beiden Abteilnachbarinnen und ich vertiefen uns in unsere jeweilige Lektüre, draußen verpassen wir ja nicht viel. Ein schönes altes Wohnzimmer, dieses Nightjet-Sechserabteil.

Ein paar Abteile weiter lasse ich mir zeigen, wie man aus den sechs Sitzen annähernd drei Liegen basteln kann, indem man die Sitzflächen nach unten zieht. Meine Mitreisenden sind genauso begeistert vom Abteilumbau wie ich. Bei -2 Grad Außentemperatur wünschen wir uns eine gute Nacht ("see you in Italy") und lümmeln uns nebeneinander. Ein Hauch von guter alter Interrail-Zeit irgendwo zwischen Günzburg und Dinkelscherben.

In Augsburg weckt mich der Schaffner und schickt mich doch wieder ins andere Abteil. Er hat festgestellt, dass in das Ausweichabteil doch noch andere Fahrgäste dazukommen und deshalb das Dienstabteil geräumt... Also zurück auf Start.

Auch im ursprünglichen Abteil habe ich zwei Nachbarinnen, diesmal deutlich ältere. Und die eine wird noch älter: Sie kündigt an, dass sie um Mitternacht auf ihren 67. Geburtstag einen Sekt trinken wird. Nur eine Kabine weiter, und es fühlt sich nicht mehr nach Interrail an, sondern nach Kreuzfahrtschiff. 

Ich gebe erneut das Wissen weiter, wie man aus sechs Sitzen drei Liegen machen kann und starte den nächsten Schlafversuch, diesmal ohne Unterbrechung. Wie quasi immer im Nachtzug wache ich nur dann auf, wenn der Zug anhält. Ein kurzer Blick auf München Ost, Salzburg und Villach, alles dazwischen verschlafe ich. 

Bei der Ausfahrt aus Villach ist es schon kurz nach fünf - die blaue Stunde ist angebrochen, man sieht die Umrisse der Berge. Leider verschwindet der Zug schon bald im ersten langen Tunnel - wer mehr vom Kanaltal sehen will, muss mit dem Fahrrad auf dem Alpe-Adria-Radweg über die alte Bahntrasse fahren. Auf der neuen Bahntrasse sieht man fast nur beleuchtete Betonwand, und so schlafe ich schnell wieder ein.

Kurz hinter Udine wache ich endgültig auf. Wir sind mittlerweile zu fünft im Abteil, das hatte ich noch gar nicht gemerkt. Ich gratuliere der Erlangerin schräg gegenüber zum Geburtstag und unterhalte mich mit dem netten dänischen Pärchen. Vor allem aber freue ich mich darüber, dass draußen die Sonne scheint. Jetzt schon 5 Grad plus, das war in Deutschland die letzten Tage die Maximaltemperatur. Ich liebe Italien.

Links Wasser, rechts Wasser, nach hinten schneebedeckte Gipfel, nach vorne La Serenissima: die Fahrt über den Damm nach Venedig ist jedes Mal aufs Neue ein Highlight. Ich kenne weltweit keine schönere Ankunft mit dem Zug als die in Venedig. Der Bahnhof selbst ist mittlerweile ein auf den Geschmack reicher amerikanischer Touristen ausgelegter Einkaufstempel, aber auch er hat noch seine authentischen Ecken, so wie ja auch der Rest von Venedig seine authentischen Ecken hat, sobald man sich 200 Meter von den touristischen Hauptwegen entfernt.

Auf die Minute pünktlich kommen wir am Endbahnhof zum stehen. Ich steige aus dem hintersten der sechs Wagen: drei kamen heute Nacht aus Stuttgart, drei aus Wien. Die Passagiere strömen auf den Bahnsteig und weiter auf den einzigartigen Bahnhofsvorplatz mit dem Canale Grande. Die Erlangerin wird schon heute Abend wieder nach Hause fahren. Das dänische Pärchen fährt weiter nach Neapel. Und für mich geht es heute noch nach Feltre, wo sich die ganze Familie zu Papas 70. trifft. Aber erstmal Venedig.


Ich hole meine Eltern im Hotel ab, gemeinsam sammeln wir fast 20.000 Schritte vom Kopf bis zum Schwanz des Fisches, der Venedig ja ist. Die schönste Buchhandlung der Stadt ("Aqua Alta"), das vielleicht schönste Café der Stadt ("Serra dei Giardini") und viele weitere Highlights liegen auf unserer Route. Zurück ins Zentrum fahren wir mit dem Vaporetto. In Pole Position auf dem Vorderdeck einmal den kompletten Canale Grande entlang. Toll, was man an einem Tag in Venedig alles erleben kann.




Von Feltre nach Rom 

Hinter uns die Alpen, vor uns der Apennin, neben uns zwei Kaffeebecher. Zehn verschiedene Kaffeevariationen gibt es in der Bar des Frecciarossa 1000. Unsere beiden Espressi - einer mit Koffein, einer ohne - kosten jeweils 1,50 €. Für 5 € gäbe es ein Frühstück mit Kaffee, Orangensaft und Croissant. Selbst ein glutenfreies Menü kann man bestellen. Und wenn man sich ein wenig bückt, kann man dabei aus dem Fenster verfolgen, wie der Zug durch die Poebene rauscht. Mit dem Fahrrad hatte ich auf meiner Reise von Venedig nach Rom bis an den Fuß des Apennin einst zwei Tage gebraucht, der Frecciarossa braucht gerade mal eine Stunde von Padua bis nach Bologna. Nach zwei Stunden Fahrt werden wir schon mitten in der Toskana sein, nach dreieinhalb Stunden in Rom. Bahnfahren in Italien ist schnell, zuverlässig, bequem - und der günstige Kaffee schmeckt großartig.




Wir haben uns für einen geringen Aufpreis zwei Sitzplätze im Premium-Bereich gegönnt - sozusagen ein Zwischending zwischen erster Klasse und zweiter Klasse mit bequemen Ledersitzen, mehr Beinfreiheit und einem Begrüßungspaket aus Wasser und Snacks.




Etwas weniger luxuriös war unser erster Zug heute, ein "ganz normaler Regionalzug", Typ Pop, der uns von Feltre nach Padua gebracht hat. Die Strecke wurde kürzlich für die Olympischen Spiele elektrifiziert und der Bahnhof(svorplatz) von Feltre in dem Zusammenhang schön ausgebaut. Die Bahnstrecke folgt dem Piave aus den Alpen heraus. Das Durchbruchstal, das der Fluss geschaffen hat, ermöglicht das Durchstoßen der letzten alpinen Hügelkette, ohne dass man einen Pass überwinden muss. Gerade noch die bellunesischen Dolomiten im Blick gehabt, fährt man auf einmal durch flaches Land. Die höchsten Erhebungen zwischen hier und der Adria sind Brücken.




Der Zug rauscht schnell auf Padua zu - und bleibt dann plötzlich abrupt stehen. Personen im Gleis, kurz vor dem Erreichen des Ziels. Das Display über dem Mittelgang zeigt jetzt nicht mehr "we are running on schedule", sondern informiert über die Verzögerung. Pech, dass wir den einen Zug erwischt haben, der mit 39 Minuten Verspätung in Padua eintreffen wird, trotzdem interessant: eine Streckensperrung kann auch mit guten Informationen und ohne wütendes Chaos im Zug überstanden werden. Bahn fahren in Italien ist wirklich komplett anders, als man es aus Deutschland gewohnt ist.
 
Die verbliebenen zwei Stunden in Padua haben wir für eine Stadtbesichtigung genutzt. Eine wunderschöne Stadt mit herrlichem Sonnenschein. Bis zum südlichen Ende der Altstadt haben wir einige Schritte gesammelt. Zurück zum Bahnhof haben wir dann den Translohr genommen, dieses seltsame Zwitterwesen aus Bus und Straßenbahn, das wir bereits aus Paris kennen.






Nun also Frecciarossa 1000. Der schießt gerade mit 297 km/h unter dem Apennin durch. Konkurrenzlos schnell verbindet die Bahn Bologna und Florenz, Emilia-Romagna und Toskana. Entsprechend dicht ist der Verkehr auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke, entsprechend voll sind die Züge.



In Bologna fahren die Freccia-Züge von einen neuen Bahnhof, der unter dem alten Bahnhof erbaut wurde. Ein bisschen wie Stuttgart 21 - nur, dass man die alten Gleise nicht rausgerissen hat, sondern jetzt mehr Gleise zur Verfügung hat als vorher. In Florenz hingegen schleichen wir zum alten Kopfbahnhof und wechseln die Fahrtrichtung - aber auch das nicht mehr lange: ein neuer Tunnel und Bahnhof für die Hochgeschwindigkeitszüge ist bereits im Bau. Nicht als Ersatz für den alten Bahnhof, sondern als Ergänzung.
 
In Florenz fahren wir pünktlich los, der nächste Halt ist Roma Termini. 232 Kilometer nonstop in 97 Minuten. Ich will eigentlich was lesen, aber die Strecke ist so schön, dass ich - obwohl ich hier schon mehrmals gefahren bin - ständig aus dem Fenster schauen muss. Die Vegetation in der Toskana schaut schon richtig sommerlich aus. Herrschaftliche Villen, Zypressenalleen, immer wieder der Arno - und im Hintergrund auf dem Apennin noch Schnee. Ende März ist eine tolle Zeit, um Italien zu bereisen. Aber jede andere Zeit im Jahr ist das auch.



Auf dem Display über dem Gang wechseln Geschwindigkeit (245 km/h), Nachrichten und die Erfolgsmeldung, dass wir pünktlich unterwegs sind. Das grimmige Rentnerpärchen, mit dem wir uns den Tisch teilen, ärgert sich über laute Kinder, hat selbst aber auch nicht alle relevanten Benimmregeln verinnerlicht...
 
Sehr schnell überqueren wir nicht mehr regelmäßig den Arno, sondern schon den Tiber. Eine beeindruckend schnelle Reise durch ein beeindruckend schönes Land nähert sich dem Ende. Um 19:24 Uhr erreichen wir überpünktlich Roma Termini. Oder, wie es die mittlerweile eingetroffene E-Mail von Trenitalia ausdrückt:  “Wir teilen Ihnen mit, dass Ihr Zug Frecciarossa 9427 von Padova nach Roma Termini, mit -3 minuten der vorgesehenen Uhrzeit reist”.



Mit einem Doppelstock-Regionalzug fahren wir noch ein paar Kilometer weiter nach Roma S. Pietro, checken in ein sympathisches Bed&Breakfast ein (ok, Breakfast ist ein großes Wort...) und freuen uns auf die nächsten Tage in Rom, Vatikan und Umgebung.




Tivoli

Gleich hinter Rom ist Land. Eine Stunde Regionalzug entfernt vom pulsierenden Bahnhof Termini ist man schon im ländlichen Apennin. Kleine Dörfer kleben auf steilen Hügeln, von alten Brücken bröselt der Beton. Die Einkommen sind wohl eher niedrig, das Durchschnittsalter eher hoch, hier ist eher kaputt als caput mundi. Oder mit den Augen des Touristen: wunderbare ländliche Idylle.




Kaum beginnt diese Idylle, steigen wir aus: Tivoli wartet auf uns. Das Welterbe Villa d'Este demonstriert uns die Bau- und Gartenbaukunst der italienischen Renaissance. Wir bewundern und fotografieren unzählige Fontänen und Grotten. Schon die römischen Patrizier wussten, dass es in Tivoli schön ist, die Touristen von heute können es bestätigen.




Auch die Innenstadt ist sehenswert, aber noch schöner ist die Villa Gregoriana, ein Landschaftspark mit künstlichen Wasserfällen, Grotten und Aussichtspunkten. Man steigt 90 Meter hinab in die Schlucht und auf der anderen Seite wieder hoch, dazwischen gibt es verschiedene lohnenswerte Abstecher zu Aussichtspunkten und Grotten.



Am Ende des Besichtigungsprogramms geht es zurück zum Bahnhof - und für mich weiter in den Apennin hinein: Gemauerte Viadukte, die entfernt an die Semmeringbahn erinnern, schöne Berge, schöne Ausblicke. Vom Bahnhof Roviano ein schöner Blick auf das gleichnamige Schloss. Hübsche Dörfer auf beiden Talseiten. Bald darauf ist der tierische Bahnhof von Arsoli erreicht: Ein Wolf bellt das Bahnhofsschild an, ein Vogel mit Brille sitzt auf dem Abfahrtsanzeiger, der per Hintergrundbeleuchtung anzeigt, ob der nächste Zug Richtung Rom oder Richtung Sulmona fährt. Eine Skulptur und ein Gemälde an einem Bahnhof, dessen Nebengebäude allesamt verzierte Kunstwerke sind. Was man so alles entdeckt, wenn man sich in einen Zug setzt und willkürlich eine Strecke fährt, die man noch nie gefahren ist...




Am liebsten würde ich bis Sulmona durchfahren und dann über Cassino zurück, beides Strecken, die ich noch nicht kenne. Aber es wäre schade um das gemeinsame Abendessen mit meiner Freundin in Rom, also ist mein Wendepunkt der Verzweigungsbahnhof Avezzano. Ich blicke auf schneebedeckte Gipfel und erreiche schließlich das 1915 durch ein Erdbeben zerstörte Städtchen. Der Espresso im Bahnhof ist lecker, der Zug zurück nach Rom ist gewohnt bequem. Und mehr als nur pünktlich: den Endbahnhof Tiburtina erreiche ich 6 Minuten zu früh.



Abgesehen vom Bahnausflug nach Tivoli erleben wir an den vier Tagen in Rom noch mehr Eisenbahn:

  • Wir fahren mit allen drei U-Bahnlinien. Highlight ist die Fahrt mit der automatischen Linie C zur kürzlich eröffneten, 700 Mio. € teuren Station Colosseo. Der U-Bahnhof unter dem Kolosseum ist de facto ein mehrstöckiges Museum mit zahlreichen antiken Gegenständen, die beim U-Bahn-Bau ausgegraben wurden und spannenden Videos zur Stadtgeschichte.


  • Im wunderbaren Museum “Centrale Montemartini”, das Industriekultur mit römischen Skulpturen vereint, bewundern wir den historischen Zug von Papst Pius IX.


  • Bei der Besichtigung der Vatikanischen Gärten sehen wir den Bahnhof, von dem aus die Päpste einst nach Castel Gandolfo und Assisi aufgebrochen sind. Derzeit findet dort nur Güterverkehr statt.



  • Natürlich werfen wir einen Blick in den Bahnhof Piazzale Flaminio, von dem ich bei einer Bahn-Reise 2024 nach Viterbo gestartet bin. 


  • Am letzten Tag fahren wir zumindest ein bisschen Straßenbahn – was derzeit nicht einfach ist, weil viele Strecken baubedingt gesperrt sind. Leider erwischen wir keinen der über 70 Jahre alten Stanga-Triebwagen, die tatsächlich immer noch im Dienst stehen, sondern einen FIAT-Niederflurwagen. Ich würde wir wünschen, die derzeit in Auslieferung befindlichen CAF Urbos ersetzten die FIAT-Wagen und nicht die urigen Stanga-Wagen...


Nightjet Rom – München

Mit dem Fahrrad auf der Via Appia Antica, zu Fuß u.a. an der Piazza Garibaldi und auf der spanischen Treppe, mit dem Bus quer durch die Stadt: wir haben Rom intensiv er-fahren und er-laufen. Aber leider hat jede Reise irgendwann ein Ende, auch diese. In einem modernen Rock-Doppelstocktriebzug fahren von S. Pietro zum Bahnhof Tiburtina, wo unser Nachtzug zurück nach Deutschland starten wird. Der Rock ist langsam - und doch ist es deutlich schneller, als mit dem direkten Bus mitten durch die Stadt zu fahren.







Der Nightjet nach "Vienna/Monac" startet um 18:10 Uhr auf Gleis 17. München heißt auf italienisch Monaco, für das O war wohl kein Platz mehr. Wir erkunden den Bahnhof Tiburtina - ansprechende Architektur, grauenhafte Beschilderung - auf der Suche nach Abendessen. Endlich finden wir außerhalb des Gebäudes Alice Pizza. Sehr leckere Pizza al taglio. Ich freue mich über die niedrigen Stückpreise, bestelle munter drauf los - und muss feststellen, dass es sich nicht um Stückpreise handelt, sondern um 100g-Preise... Der Gesamtpreis hält sich trotzdem im Rahmen, und schmecken tut es richtig gut. Mein persönlicher Favorit: Funghi mit Mozzarella.

 
Als wir auf Gleis 17 ankommen, steht der Zug schon bereit. Die Nightjetgarnitur riecht förmlich noch neu. Wie schonmal 2024 nach Hamburg haben wir uns zwei benachbarte mini cabins im Couchette-Wagen gegönnt. Benachbarte mini cabins heißt: man kann eine Verbindungstür öffnen für das Gute-Nacht-Küsschen. Großes Manko in den neuen Nightjet-Liegewagen: die Gepäckfächer sind recht mini. Immerhin: Wir kriegen die großen Rucksäcke im benachbarten Sitzwagen unter. Ansonsten alles tipptopp: mit der Keycard öffnet man Liege, Gepäckfach und Schuhfach. Der Spiegel lässt sich verschieben und zum Tisch runterklappen. Im Gepäcknetz erwarten uns Müllbeutel, railexed-Magazin und Speisekarte. "Kulinarischer Genuss durch die Nacht aus Österreich" verspricht die Titelseite, auf den folgenden 17 Seiten wird nochmal der Appetit angeregt. Das Frühstück ist im Liegewagen inklusive, von Aperitivo-Platte mit Aperol Spritz bis Kaiserschmarrn könnte man einiges mehr dazubestellen. Der Nightjet ist nicht nur ein Hotel auf Schienen, sondern doch auch ein Restaurant auf Schienen, wenngleich ohne richtigen Speisewagen.





Der Zug setzt sich leise und komfortabel in Bewegung. Wir machen es uns vorerst im Sitzen bequem und genießen die letzten Blicke auf Rom und die italienische Sonne. Ich kann meine Radreise 2017 nochmal rückwärts nacherleben. Das letzte, was wir – trotz mittlerweile vollständiger Dunkelheit – sehen, sind der Trasimenische See und der Bahnhof von Arezzo.




Vor dem Schlafengehen noch ein bisschen Slapstick vor dem viel zu kleinen Waschbecken und den depperten Sensoren, die immer gleichzeitig Wasser, Seife und Gebläse auslösen. Irgendwie kriege ich es trotzdem hin, Zähne zu putzen und Hände zu waschen.


Nach dreieinhalb Stunden Fahrt ist der erste reguläre Zwischenhalt Florenz. Hier lege ich das Buch "Bahnfahring" zur Seite und schlafe schnell ein. Als ich das nächste mal aus dem Fenster schaue, überqueren wir gerade auf einer langen Brücke den Fluss Fella. Es ist kurz vor halb drei und wir befinden uns schon auf der tunnelreichen Trasse durchs Kanaltal. Das Rangieren in Villach, wo uns die Wagen Richtung Wien verlassen, und die Fahrt über die Tauernbahn verschlafe ich.


Kurz hinter Salzburg fahren wir pünktlich über die deutsche Grenze - und werden von einer unglaublich lauten dreisprachigen Durchsage geweckt. Danke an Alexander Dobrindt und die Bundespolizei für den Weckdienst. Mit Blick auf die schneebedeckten Berchtesgadener und Chiemgauer Alpen genießen wir anschließend das Nightjet-Frühstück und bedauern, dass wir den bequemen Zug in München verlassen müssen. Zurück nach Hause geht es anschließend in Regionalzügen – aber auch das bequem und pünktlich. Jede Italienreise ist schön. Aber eine, die mit Nachtzug beginnt und endet, ist natürlich besonders schön.