Istanbul - Konya
Es ist ein Velaro! Sprich: ein ICE3. Zwei verschiedene Zugtypen fahren auf dem türkischen Hochgeschwindigkeitsnetz. Wir hatten auf den von Siemens gehofft und Glück gehabt. Der Einstieg wird anders als in Deutschland durch eine Rampe barrierefrei gestaltet, aber sobald man drin ist, wirkt alles sehr vertraut: die selben Sitze, die selben blauen Aufkleber, die selben Holzimitatwände, die selben Toiletten, das Wlan funktioniert nicht. Alles wie im ICE. Nur bequemer: die türkische Staatsbahn gönnt ihren Fahrgästen Fußstützen. Und es gibt hier noch das alte Infotainmentsystem mit den neun Kanälen, durch die man sich in der Mittelkonsole durchklicken kann.
Der Zugang zum Zug ist komplizierter als in Deutschland: nachdem wir uns durch das sonntagmorgenverkaterte Kadiköy geschleppt und unterwegs nur Tauben, Möwen, Katzen und einzelne Partyheimkommer getroffen hatten, mussten wir uns im Bahnhof in eine längere Schlange einreihen: erst wird wie am Flughafen das Gepäck gescannt, dann werden Fahrkarten und Ausweise kontrolliert. Erst dann darf man hoch auf den Bahnsteig, wo der Zug schon bereitsteht. Ein bisschen mühsamer als in Deutschland, aber weit entfernt vom Eurostar-Zinnober in London.
Auch anders als in Deutschland: wir fahren pünktlich um 6:30 Uhr ab. Parallel zu den Gleisen der Marmaray-Vorortbahn gurken wir durch die asiatischen Vorstädte. Nach 26 Minuten ist der erste Zwischenhalt erreicht: Pendik. Wir sind immer noch in Istanbul, wir sind ausschließlich durch bebautes Gebiet gefahren. Zwar mit der innerorts üblichen Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h, aber trotzdem: die Größe von Istanbul wäre auch dann beeindruckend, wenn es nur aus der asiatischen Hälfte bestehen würde.
2017, auf dem Weg nach Ankara und weiter in den Kaukasus, mussten wir noch mit der Metro nach Pendik fahren, die ICE-Gleise von der Innenstadt hierher gab es noch nicht. Mittlerweile könnte man auf der europäischen Seite in einen Hochgeschwindigkeitszug einsteigen und in Konya oder Ankara wieder aussteigen.
Wir bummeln weiter am Ufer des Marmarameers entlang. Nach einem kurzen Nickerchen wird es Zeit für einen Kaffee. Selbstverständlich habe ich unsere Sitzplätze so gebucht, dass wir ganz in der Nähe des Speisewagens sitzen. Überraschung: auch der Speisewagen sieht aus wie im deutschen ICE, inklusive roter Sitzpolster. Die Kommunikation mit dem Verkäufer ist ein wenig holprig, das Sortiment ist heute eingeschränkt, Kartenzahlung funktioniert nicht und der Kaffee schmeckt weder gut noch stark. Also auch hier: wie im ICE. Nur deutlich billiger.
Als bei der Frau neben uns die Kartenzahlung mit einer physischen Karte funktioniert, erklärt sich das Missverständnis: der Bahnmensch kannte der Prinzip nicht, dass auf dem Handy eine Kreditkarte hinterlegt ist. Wir kannten das Prinzip nicht, dass man für Handyzahlung einen QR-Code einscannt, der auf dem Kartenzahlungsgerät angezeigt wird. Letztendlich konnten wir den Kaffee bar zahlen, für ein paar rückständige deutsche Urlauber erhält man diese Zahlmethode noch aufrecht.
Vor Pamukova ist es so weit: Zug 81302 darf auf die Schnellfahrstrecke einbiegen und Vollgas geben. Tunnel - Brücke - Tunnel - Brücke - Tunnel. Die umliegenden Berge sind von Regenwolken verhüllt, über die Scheiben läuft Regenwasser, der Fluss lässt befürchten, dass es bald Hochwasser gibt. Wir rauschen mit 250 km/h mitten durch die Berge und bleiben trocken. Bahnurlaube haben schon Vorteile gegenüber Fahrradurlauben...
Auf dem Display über dem Gang werden manchmal Geschwindigkeit und anstehende Zwischenhalte angezeigt, dann sieht man wieder Kurzvideos von irgendwelchen Militärjets, dann eröffnet Präsident Erdogan schon wieder eine Autobahn oder eine Eisenbahn, dann kommt Werbung, z.B. von Bauhaus. Aktuell wieder ein Militärjet.
Der Bahnhof Bilecik liegt scheinbar mitten in der Pampa. Neben dem Bahnhof grüne Wiesen und ein paar grasende Kühe. Auf der anderen Zugseite immerhin eine Fabrik und eine Tankstelle. Der Bahnhof liegt offensichtlich außerhalb der Stadt. Interessant sind die Wagenstandsanzeiger auf dem Bahnsteig: Fest verschraubte Metallschilder zeigen die Wagennummer an. Umgekehrte Wagenreihung gibt's hier nicht.
Weiter geht's, mit Vollgas durch die Berge. Der nächste Halt ist Eskişehir. Die dortige Straßenbahn wird mit Cityrunner-Zügen bedient, die sogar den selben Farbton haben wie die in Linz. Aber eine Straßenbahn werde ich erst wieder in Konya sehen, wir bleiben bis zur Endstation im ICE sitzen.
In der Wartehalle auf dem Bahnsteig in Eskişehir stehen zwei Thermoskannen Kaffee für unseren Speisewagen bereit. Unser Kaffeeverkäufer steigt aus, tauscht zwei leere gegen zwei volle Kaffeekannen, steigt wieder ein, die Fahrt kann weitergehen.
Bis Selçuklu folgen jetzt eine Stunde und 40 Minuten ohne Zwischenhalt - ein Zeichen dafür, dass Zentralanatolien deutlich dünner besiedelt ist als die Region am Marmarameer, wo wir vorhin alle 15 Minuten gehalten hatten. Jetzt gibt es keine verregneten bewaldeten Berge mehr, sondern eine vernebelte Ebene. Landwirtschaft, so weit das Auge reicht, nur noch einzelne Bäume und Büsche, nur noch sanfte Hügelchen statt schroffer Berge. Mit 250 km/h rauschen wir durch die Landschaft, die mit Istanbul ungefähr so viel zu tun hat wie der Speisewagen-Kaffee mit einem italienischen Espresso.
Weiter südlich wird die Landschaft wieder welliger - wir nähern uns offensichtlich dem Taurusgebirge - und scheinbar völlig menschenleer. Ab und an sieht man eine Schafherde grasen und ein paar einzelne Häuser in der Landschaft rumstehen, aber der Kontrast zur Megacity Istanbul könnte nicht größer sein.
Ein medizinischer Notfall in unserer Nachbarschaft lenkt die Aufmerksamkeit des ganzen Wagens auf sich, aber dem Mann kann zum Glück geholfen werden.
Draußen wird es allmählich wieder urbaner, bald darauf ist Konya erreicht. Am nördlichen Stadtrand rosten zwei Dampfloks und eine Reihe von Personenwaggons vor sich hin. Wir halten erst in der Vorstadt Selçuklu und später am Hauptbahnhof Konya. Laut Fahrplan hätten wir den um 11:16 Uhr erreichen sollen, aber wir kommen erst um 11:32 Uhr an. Dieser türkische ICE ist wirklich wie in Deutschland.
Konya - Karaman
Nach einem mehrstündigen Aufenthalt im schönen Konyo akute Reizüberflutung im zweiten Velaro (ICE) des Tages: Vor mir die Lunchbox mit Wasser, Multivitaminsaft, Kuchen und Käsetoast. Daneben der Kaffee. Davor der aufgeklappte Monitor mit Entertainmentprogramm, von Filmen und Musik bis hin zu den richtig coolen Sachen: Kartendarstellung der aktuellen Position des Zuges und "Board Camera", sprich: Führerstandsmitfahrt. Ich sehe die Brücken, unter denen wir durchfahren, erst auf dem Monitor aus der Lokführerperspektive, dann rechts aus dem Fenster aus der Fahrgastperspektive. Das ganze bei 200 km/h. Mit dieser Geschwindigkeit hatte Kaiser Wilhelm sicher nicht gerechnet, als er die Bagdadbahn bauen ließ. Von Istanbul über Konya und das Taurusgebirge bis in den heutigen Irak führte die Strecke einst. Die alten Bahngebäude verraten, dass bei ihrem Bau preußische Architekten beteiligt gewesen sein müssen. Leider ist der "Taurus-Express", der der alten Streckenführung über das Taurusgebirge folgt, aktuell baubedingt außer Betrieb. Ab Karaman werden wir deshalb mit dem Bus weiterfahren – und heute Nacht mit dem Schiff nach Zypern. Aber erstmal den Zug genießen, dieses Mal in der ersten Klasse. Im Ticketpreis von 7 € war das Verpflegungspaket schon enthalten. Der Blick auf die Berge, die allmählich näher kommen, natürlich auch. Schade, dass die Fahrt nur 40 Minuten dauert. Aus diesem wunderbaren bequemen Zug wollen wir nicht wieder aussteigen. Aber Karaman ist Endstation.






















