Über Rimini in die Toskana

ICE Konstanz ist ein ICE 3. Endlich mal wieder ein schöner, bequemer ICE, nachdem ich die letzten Male immer ICE 4 fahren musste. Werden schöne ICEs nach schönen Städten benannt? Dann wäre logisch, dass Konstanz ein 3er ist. Ich werde mal darauf achten. 


München ist schnell erreicht - zumal ich die Strecke größtenteils verschlafe. Gefühlt 3.000 Schritte später stehe ich mit Haferkater-Porridge und Cappuccino im Starnberger Flügelbahnhof und steige in den Railjet 83 Richtung Ancona. Die nächsten acht Stunden darf ich den neuen Railjet und die schöne Landschaft genießen, muss aber arbeiten. Das hier ist ja schließlich eine Dienstreise. Ich bin auf dem Weg zur VeloCity, der weltgrößten Fahrradkonferenz, die dieses Jahr in Rimini stattfindet. 

Ich finde die neuen Railjets grundsätzlich gelungen und bequemer als die alten. Größtes Manko sind meiner Meinung nach (neben dem verkleinerten Speisewagen) die depperten Sensoren in der Toilette. In Zeiten von Corona sicher gut gemeint, aber nur Chuck Norris kann auf den neuen Railjet-Toiletten Wasser, Seife und Händetrockner in der gewünschten Reihenfolge auslösen. Bei mir so: entweder der Händetrockner bläst mir das laufende Wasser aufs T-Shirt oder die fertig abgespülten Hände werden von der nächsten Ladung Seife vollgesudelt…



Kleiner Nervenkitzel am Brenner: Ich will die 10 Minuten Aufenthalt nutzen, um den ersten italienischen Kaffee zu trinken. Der Railjet hält ganz hinten auf Gleis 9, das Café im Bahnhofsgebäude existiert nicht mehr… Aber auch im Café auf der anderen Straßenseite kann ich meinen Espresso macchiato genießen und bezahlen und pünktlich zum Zug zurückeilen.



In Verona wäre ich bereit für den nächsten Espresso, der Zug hat 15 Minuten Aufenthalt - aber ich bin noch in einem Arbeitsmeeting gefangen. Also mache ich danach eine Kaffeepause im Speisewagen - und erlebe einen Vorgeschmack auf die Velocity: Radverkehrsmenschen aus München und den Niederlanden, die ich von verschiedenen Fahrradevents kenne, begrüßen mich. Und weil meine Karte nicht funktioniert und ich kein Bargeld dabei hab, gibt mir einer von ihnen den Kaffee aus. Ich werde mich später in Rimini mit einem Eis revanchieren. 

Die Konferenztage gehen viel zu schnell vorbei. Ich lerne viele spannende Projekte und Personen kennen. Und gegen Ende der Konferenz dann endlich auch Rimini - eine Stadt, die viel schöner ist, als ich erwartet hätte. Die Adriapromenade ist unendlich lang und wirklich schön gestaltet, aber auch die Innenstadt weiß positiv zu überraschen. Am Ende der 5 Tage bin ich immerhin 57 Kilometer mit 18 Bikesharing-Fahrrädern kreuz und quer durch die Stadt gefahren. 




Dann ist Freitagmittag und die Fahrradkonferenz vorbei. Die Teilnehmer zerstreuen sich in alle Richtungen: manche fahren direkt heim, manche fahren weiter nach Bologna, manche bleiben in Rimini, einer fährt im Bummelzug nach Ravenna. Das bin ich.

Die Zeiten des 35-Mark-Tickets sind längst vorüber. „Schönes-Wochenende-Ticket“ hieß es offiziell, kostete schnell deutlich mehr als 35 Mark und hat mir so manchen schönen langen Bummelzug-Ausflug beschert: vom Spessart bis in den Schwarzwald, nach Tschechien und nach Hannover, von Berlin bis nach Sylt und Rügen. Das deutsche Wochenendticket gibt es längst nicht mehr, aber in Italien gibt es jetzt ein 35€-Ticket: Trenitalia ermöglicht dafür eine 3-Tage-Flatrate in Regionalzügen. Ein paar Ausnahmen gibt es (Südtirol, Lombardei, Cinque Terre, Valsugana, rund um Bassano del Grappa), aber Italien ist groß. Und die Liste der Städte und Strecken, die ich noch nicht kenne, immer noch lang. 


Ravenna kenne ich sogar schon ein bisschen, bei der Radreise Venedig - Rom 2017 haben wir da eine Mittagspause verbracht. Die bekannten UNESCO-Welterbe-Kirchen mit den Mosaiken aus byzantinischer Zeit hatten wir damals aber nur von außen gesehen. Das ändere ich heute: ich kaufe ein Kombiticket für Basilica di S. Vitale, Mausoleo di Galla Placidia, Basilica di S. Apollinare Nuovo und Battistero Neoniano und bewundere die vielen kleinen Steine aus dem 5. und 6. Jahrhundert. 
Es gäbe noch deutlich mehr Kombitickets, Sehenswürdigkeiten und Museen in Ravenna, aber der Rucksack ist noch schwerer als die Beine und ich freue mich auf einen klimatisierten Zug. Der bringt mich nach Ferrara. Da war ich schließlich noch nie.



15.000 Studierende, 30 % Radverkehrsanteil, neun Kilometer Stadtbefestigungswall. Mit diesen drei Zahlen kann man sich schon vorstellen: Die Innenstadt von Ferrara ist groß und lebendig. Die frühere Hauptstadt des Herzogtums Este begeistert mich sofort. Ich checke im Guesthouse ein und mache mich gleich auf den Weg in die Stadt, die als „erste moderne Stadt Europas“ seit 1995 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Relativ bald stoppe ich für ein leckeres Abendessen. Mein Konzept „immer die Pizza bestellen, die so heißt wie die Pizzeria“ führt dazu, dass ich richtig schwitze, weil die Pizza richtig scharf ist... 

Nach dem Essen (und dem obligatorischen Espresso) schlendere ich noch tausende Schritte durch die riesige Innenstadt und lasse mir vom dolce vita ein Dauerlächeln ins Gesicht zaubern. 



Am nächsten Morgen wache ich vor dem Wecker auf und denke mir: dann kann ich ja noch eine Runde joggen gehen. Das ist heute Morgen in Ferrara bei 27 Grad sicher angenehmer als heute Abend in Pisa bei über 30 Grad. Wenig überraschend: auch joggend ist Ferrara eine schöne Stadt. Ich laufe am Befestigungswall entlang und durch ein paar Altstadtgassen, die ich noch nicht kannte.


Die Weiterfahrt startet frisch geduscht und erneut verschwitzt um 9:05 Uhr am Bahnhof Ferrara - natürlich nicht ohne vorherigen Cappuccino und Nutella-Brioche. Der Zug nach Bologna ist selbstverständlich pünktlich. Ich liebe Italien aus so vielen verschieden Gründen...

Die 20 Minuten Umstiegszeit in Bologna nutze ich, um Mitbringsel und Wasser zu kaufen - und natürlich für einen Espresso. Italienische Bahnhofbars sind zu schön, um sie links liegen zu lassen. Und zu günstig, als dass ein Kaffeestopp schmerzen würde. 




Von Bologna nach Florenz fahre ich jetzt - mit Umstieg in Prato - über die „alte“ Strecke. Die 2009 eröffnete Hochgeschwindigkeitsstrecke, auf der man mit 300 km/h in 37 Minuten unter dem Apennin durchgejagt wird, ist mit meinem 35€-Ticket tabu. Ich bin sie ja auch im April erst gefahren.

Die erste Bahnstrecke von Bologna nach Florenz über den Apennin war die 1864 eröffnete Porrettanabahn über Pistoia - eingleisig, kurvenreich und um Winter schneeanfällig. Für den Reisenden sicherlich attraktiv (das werde ich morgen auf der Rückfahrt testen), aber für den Bahnverkehr schon Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr zeitgemäß. Zwischen 1913 und 1934 wurde deshalb eine „Direttissima“ von Bologna nach Prato gebaut, die für bis zu 180 km/h trassiert wurde und den Apennin in einem 18,5 km langen Tunnel unterquert. Dieser „Apenninbasistunnel“ war seinerzeit nach dem Simplontunnel der zweitlängste Bahntunnel der Welt. So ändern sich die Zeiten: was damals höchst modern war, ist seit 2009 wiederum durch eine noch schnellere Strecke abgelöst, sodass auf der alten Direttissima überwiegend Regional- und Güterzüge unterwegs sind. In einem modernen Pop-Triebzug (Trenitalia benennt seine Zugtypen nach Musikrichtungen, vorhin bin ich Rock gefahren) genieße ich die schöne Landschaft und freue mich, dass ich nach mehr als 20 Jahren endlich mal wieder die „alte“ Strecke über den Apennin fahre.



In Florenz lege ich einen Stopover ein und fahre mit der neueren der beiden Straßenbahnlinien (die „alte“ kenne ich schon). Im Norden führt sie zum Flughafen, das andere Streckenende liegt in der Innenstadt an der Università San Marco. Eigentlich hätte die Tram direkt am Dom entlangführen sollen, aber da hatte eine Bürgerinitiative Erschütterungen für das historische Bauwerk befürchtet, deshalb fährt die Bahn einen großen Bogen. Angenommen wird sie trotzdem, die Sirio-Bahnen sind gut gefüllt. Ticketkauf funktioniert wie auch schon in Rimini und Ferrara super einfach mit Handy ans Lesegerät halten. Schlangen an unverständlichen Fahrkartenautomaten gehören in immer mehr Ländern der Vergangenheit an. 



Weiter geht es mit einem älteren Doppelstockzug nach Lucca. Vor dem Fenster Toskana-Klischeelandschaft mit Apennin im Hintergrund, unterbrochen von ausufernden Gewerbegebieten.



Lucca ist vor allem bekannt für seine 4,2 Kilometer lange, durchgehend begehbare Stadtmauer. Klar, dass ich die komplett umrunden will. Bei 36 Grad ist es mir acht (!) Euro wert, vorher bei einer höchst unfreundlichen Furie meinen Rucksack abzugeben.


Auch die Innenstadt von Lucca weiß zu begeistern. Meine persönlichen Highlights sind der Amphitheater-Platz und eine Eisdiele. Weil mir eine abwechslungsreiche Ernährung wichtig ist, esse ich heute nicht wie gestern Pistazien- und Amarena-Eis, sondern Kaffee- und Kokos-Eis.



Eigentlich wollte ich über Viareggio nach Pisa weiterfahren. Aber siehe da: der erste verspätete Zug der Reise. Ich kann jetzt entweder 40 Minuten am Bahnhof von Viareggio festhängen - oder spontan die Stadt anschauen und dort Abendessen. Und so komme ich dank der Bahnverspätung doch auch ans Tyrrhenische Meer und genieße Risotto mit Meeresfrüchten und Meerblick. Das Wasser ist ähnlich warm wie an der Adria, aber der Hintergrund ist deutlich beeindruckender. Notiz an mich selbst: Vielleicht werde ich mir mal die Via Vandelli als Trailrun vornehmen. Und die Apennino Bike Tour fortsetzen. Diese einsame Hochgebirgswelt zieht mich magisch an. 





Abends in Pisa sehe ich nicht nur den schiefen Turm, sondern auch das WM-Spiel Deutschland gegen Elfenbeinküste. Und zwar mit italienischem Kommentator. Gefällt mir deutlich besser als die emotionslosen Teilzeitsprecher von ARD und ZDF. 



Am nächsten Morgen verlasse ich die so-la-la-Unterkunft recht früh, genieße das obligatorische Cappuccino-und-Brioche-Frühstück bei einer sehr netten Barista und fahre über Lucca nach Pistoia. Bei der Einfahrt nach Pistoia weiß ein Pufferküsser gar nicht, wo man aus dem Fenster schauen soll: auf der Nordseite sieht man historische Züge inklusive zweier Dampfloks, auf der Südseite erblickt man im Hitachi-Werk nagelneue Züge und solche, die noch in Bau sind. 



47 Tunnels und 35 Brücken auf 99 Kilometern Länge: das sind die Zahlen zur „Porretanabahn“ zwischen Pistoia und Bologna, wie oben erwähnt die älteste der drei Bahnstrecken zwischen Bologna und Florenz. Alle zwei bis drei Stunden klettert ein Regionalzug (Typ „Jazz“) von Pistoia hinauf nach Porretta Terme. Von dort weiter nach Norden fahren deutlich mehr Züge - der Pendlerverkehr nach Bologna verspricht ein höheres Fahrgastaufkommen.

Der erste Streckenabschnitt ab Pistoia ist der spektakulärste: in weiten Schleifen und mit wechselnden Ausblicken zwischen den zahlreichen Tunnels gewinnt der Zug 500 Höhenmeter. Ab Pracchia geht es dann wieder bergab. Das Bahngleis folgt den Windungen des Reno, der hier eher ein Bach ist als ein Fluss. Sattgrüne Bäume und einzelne Felswände umgeben Bahn und Bach. Die Landschaft ruft mir zu: „Zieh die Wanderschuhe an und steig aus!“ Der schwere Rucksack neben mir hält mich zurück. Und der Fahrplan: der nächste Zug kommt erst in drei Stunden, ich habe aber nur noch zwei Stunden zu verbummeln, bevor ich in Bologna in den Railjet nach München steigen muss...


In Porretta Terme muss man umsteigen, ab hier fährt jede Stunde ein Zug weiter nach Bologna. Will ich 20 Minuten Aufenthalt machen oder 1 Stunde 20 Minuten Aufenthalt? Das Ortszentrum ist nicht weit vom Bahnhof, rüber ins Zentrum, einen Espresso trinken und ein paar Fotos machen würde sich in 20 Minuten ausgehen. Aber dann schlendere ich durch einen Buchladen, spaziere über schöne Treppen, sehe ein paar schöne Wandmalereien - und entscheide mich, länger zu bleiben, weil es mir hier echt gut gefällt. Und dann sehe ich diesen Wanderwegweiser... und recherchiere auf der Mapy-Karte, dass man relativ schnell den Aussichtspunkt am Monte della Croce erreichen kann. Um den schweren Rucksack irgendwo abgeben zu können, ist meine Entscheidung zu spontan, aber ich wechsele zumindest auf die Laufschuhe.



Der Pfad ist wunderschön - und ordentlich steil. Bei 29 Grad schleppe ich mich und das schwere Gepäck 170 Höhenmeter hinauf. Der Schweiß rinnt aus allen Poren, aber es macht richtig Spaß. Der Ausblick von oben auf den Ort und das Renotal ist lohnenswert, aber der Pfad an sich ist noch schöner.
Zurück im Ort gibt es noch den verdienten Espresso im wunderschönen „Ma.Ma. Arts&Bistrot“. Da werde ich beim nächsten Mal sicherlich wieder einkehren. Die Wegweiser der Apennino Bike Tour flüstern mir zu: es wird ein nächstes Mal geben. 




Die weitere Bahnstrecke nach Bologna ist deutlich weniger spektakulär als die Südrampe, schön ist es weiterhin. Von den drei Bahnstrecken zwischen Florenz und Bologna ist die älteste eindeutig die schönste. 
© OpenStreetMap-Mitwirkende, Grafik: CC-BY-SA 2.0 OpenRailwayMap
Die nächste Bahnstrecke, die ich noch einbaue, ist keine richtige Eisenbahn: In Bologna wurde 2020 eine Monorail zwischen Hauptbahnhof und Flughafen eröffnet. Die muss ich natürlich mal fahren. Und bin negativ überrascht von der rumpeligen Fahrt, man wird geradezu seekrank. Ein automatisches Fahrzeug, bei dem man weder vorne noch hinten rausschauen kann und in kleinen, durch eine weiße Wand getrennten Kabinen festhängt, finde ich auch irgendwie seltsam. Ich verbuche es als interessante Achterbahnfahrt. 


Zurück in Bologna Centrale ist es dann so weit: der letzte italienische Einkauf, der letzte italienische Espresso, und dann auf Gleis 3 in den Railjet nach München einsteigen. Er ist pünktlich, er ist bequem, und er wird zwischen Verona und Innsbruck die wunderschöne Brennerbahn befahren. Zwischen Brenner und Jenbach habe ich Begleitung und genieße mit meinem guten Freund Nils den Speisewagen.




In Kufstein sind wir pünktlich. Deutschland übernimmt. Und es wird katastrophal wie immer. Erst kommt die Pushmeldung, dass mein Zug von München nach Stuttgart ersatzlos ausfällt. Einen Zug danach gibt es nicht mehr. Den Zug davor kann man nur kriegen, wenn man sehr schnell rennt.
Dachte ich. Aber es ist ja ein DB-Zug. Heißt: er hat Verspätung und ich kann in München ganz entspannt umsteigen. Letztendlich wartet er sogar 25 Minuten lang auf andere Anschlussreisende. Dann rast er los – und wird vor Augsburg plötzlich langsam. Sehr langsam. Oder wie es die Zugchefin später ausdrückt: „Zwischen München und Augsburg haben wir ziemlich an Verspätung zugesetzt“. Es ist die Zugchefin, die in Günzburg verkünden muss, dass es jetzt erstmal nicht weitergeht, „Grund dafür sind fehlende Fahrplandaten.“ Diese Ausrede aus dem DB-Zufallsgenerator habe ich wirklich noch nie gehört. Und jeder Mensch, der für dieses marode Unternehmen arbeiten muss, tut mir leid. So wie den Mitarbeitern wahrscheinlich auch jeder Fahrgast leid tut, der mit diesem maroden Unternehmen unterwegs sein muss. 


Gegen Mitternacht komme ich schließlich in Esslingen an. Es war wie bei jeder Italienreise: das einzig negative ist, dass man am Ende wieder nach Deutschland zurückmuss.