"Die Tendabahn ist eine außergewöhnliche normalspurige Eisenbahnstrecke durch die Alpen." So beginnt der Wikipedia-Artikel über selbige. Es gibt natürlich auch verschiedene Bücher über die Tendabahn, aber meine Vorbereitungszeit reicht nur für den Wikipedia-Artikel. Der Name "Tendabahn" umfasst eigentlich zwei Bahnstrecken: die Hauptstrecke von Cuneo im Piemont durch die französischen Seealpen nach Ventimiglia in Ligurien und die rein französische Zweigstrecke von Breil-sur-Roya nach Nizza. Auf der Hauptstrecke mussten 83, auf der Zweigstrecke 24 Tunnel gebaut werden. Darunter sind auch vier Kehrtunnel und vier Kreiskehrtunnel, also Tunnel, in denen sich der Zug um 360 Grad dreht, um Höhe zu gewinnen. In manchen der Tunnel - Stichwort Grenzlage Frankreich/Italien bzw. damals noch Frankreich/Sardinien-Piemont - wurden Festunganlagen samt Schießscharten am Tunnelportal verbaut.
Der Bau der Strecke zog sich - unter anderem unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg - über 50 Jahre hin. Erst 1928 wurden die durchgehende Verbindung Ventimiglia – Cuneo und die Zweigstrecke nach Nizza eingeweiht. Der Wiederaufbau der Zerstörungen aus dem Zweiten Weltkrieg - eine Brücke wurde gleich dreimal zerstört! - dauerte dann bis 1979 (!). So langsam wie Bau und Wiederaufbau der Strecke sind auch die Züge: An manchen geologisch aktiven Stellen, wo sich der Berg schleichend senkt und sich deshalb immer wieder das Gleis verformt, sind nur 10 km/h erlaubt. Maximal möglich sind auf manchen Abschnitten 80 km/h, meist wird langsamer gefahren. Sogenannte Indikatordrähte neben dem Gleis schalten sämtliche Signale auf Halt, wenn sie durch herabfallende Steine beschädigt werden.
Jepp, eine außergewöhnliche Bahnstrecke in den Alpen. Klar, dass ich die endlich mal fahren will.
2013 sollte die Tendabahn stillgelegt werden. Das konnte bislang abgewendet werden, aber immer wieder ist die Strecke wegen Sanierungsarbeiten gesperrt. Heute habe ich Glück.
Meine Fahrt startet ungewöhnlich: Man verlässt den Hauptbahnhof von Nizza unter einer Schnellstraßenbrücke. Mein bequemer Zug - vor dem Hinsetzen erstmal wieder versichern, dass das wirklich die zweite Klasse ist - wird mit Biodiesel betrieben. Deshalb hat es also auf Bahnsteig G nach Pommesfriteuse gerochen.
Durch ein schönes Tal hangelt sich die Bahn hinauf nach Breil-sur-Roya. Je weiter man fährt, desto schöner wird die Strecke.
Der Zug würde bis Tende durchfahren, aber ich entscheide mich, schon in Breil-sur-Roya auf den aus Ventimiglia kommenden italienischen Zug umzusteigen - schließlich hat der Wikipedia-Artikel vom dortigen Eisenbahnmuseum berichtet, und ich habe immerhin 40 Minuten Aufenthalt. Der Bahnhof ist schön, der Ort ist schön, aber das Museum ist "temporär geschlossen", wie Google Maps beschönigend kundtut. Es handelt sich eher um einen Friedhof für alte Züge und Busse, den man aber von außen gut einsehen kann.
Ich spaziere noch weiter durch die Hitze und komme auf den letzten Drücker zurück zum Bahnhof. Dort sehe ich, dass der nächste Zug nach Cuneo erst knapp sechs Stunden später fahren würde. Hui, das war mutiger als gedacht.
Der Minuetto von Trenitalia ist deutlich abgerockter als der französische Zug zuvor. Wieder fahren zwei dreiteilige Zuggarnituren aneinandergekoppelt, wieder ist der Zug gut gefüllt. Auf dem zentralen Abschnitt der Tendabahn fahren zwar nur wenige Züge, aber die werden zahlreich genutzt.
Mein Drei-Tage-Südazur-Pass gilt bis Tende, von da nach Cuneo brauche ich ein Ticket. Kein Problem, denke ich, kann ich bestimmt in der Trenitalia-App kaufen (am Bahnhof Breil stehen nur französische Automaten). Aber ich kann kein Ticket mehr für den Zug kaufen, er ist angeblich ausverkauft. Jetzt gibt es das Problem in Italien plötzlich auch. Ich kaufe ein Ticket für den Abendzug und hoffe, dass ich damit durchkomme.
In Saint-Dalmas de Tende hat der Zug ein paar Minuten Aufenthalt, der Schaffner läuft durch den Gang und verkündet, dass man sich draußen die Beine vertreten kann. Viele Fahrgäste verlassen den Zug: Die anderen zum Rauchen, ich zum Fotografieren.
In Tende steht am Nachbarbahnsteig der Zug, mit dem ich vorhin aus Nizza gekommen bin. Hier ist Endstation für die SNCF-Züge, weiter nach Cuneo ist nur noch Trenitalia unterwegs. Im nun bald folgenden Scheiteltunnel wird dann auch die französisch-italienische Grenze gequert.
Seit Nizza hat der Zug jetzt mehr als 1.000 Höhenmeter überwunden - die Tendabahn ist laut Wikipedia die einzige Normalspurstrecke in Europa, die einen solchen Höhenunterschied meistert. Getoppt wird sie nur von der schmalspurigen Rhätischen Bahn in Graubünden und verschiedenen Bergbahnen.
Der erste Zwischenhalt in Italien ist Limone. Auf dem Nachbargleis steht ein Pop. Bahnkenner wissen: das heißt, dass die Strecke jetzt elektrifiziert ist. Und es deutet darauf hin, dass der Fahrplan ab hier dichter ist.
Auf den Bahnsteigen sieht man jetzt immer eine linea gialla (gelbe Linie), ich bin jetzt eindeutig in Italien. Der Baustil ist anders, die Bebauungsdichte ist höher, die Berge sehen ähnlich aus.
Schließlich ist die Endstation Cuneo erreicht. Der Schaffner wollte mein falsches Ticket nie sehen. Der Bahnhof von Cuneo ist beeindruckend groß, und auch die 1913 bis 1937 erbaute Doppelstockbrücke Viadotto Marcello Soleri (unten Eisenbahn, oben Straße) beeindruckt mich.
Cuneo erschien mir als passender Wendepunkt meines Tagesausflugs, weil hier die Tendabahn offiziell endet. Ich hatte keine Ahnung, wie die Stadt ausschaut. Aber hey, dachte ich, es liegt in Italien, da wird es schon nicht hässlich sein. Ist es auch nicht. Aber ein bisschen seltsam ist es schon, zumindest an einem Sonntag, wenn nichts los ist: Ein monströses, aber ziemlich leeres Bahnhofsgebäude, in dem die geschlossenen Rollläden wohl seit 50 Jahren nicht mehr bewegt wurden. Ein Bahnhofsviertel mit viel afrikanischem Migrationshintergrund und noch mehr Leerstand. Ein Straßenraster, das faschistisch wirkt, aber scheinbar schon im 19. Jahrhundert angelegt wurde. Kirchen in sehr unterschiedlichem Unterhaltungszustand.
Aber ich bin ja in Italien, das heißt: Das Eis schmeckt super. Der Kaffee von der super sympathischen Barrista ist auch lecker. Und die Altstadt ist richtig schön. Fast schon südtirolesk, diese Mischung aus italienischem Baustil und Alpenkulisse. Während in den Bergen Gewitter toben, spaziere ich durch die barocken Lauben und recherchiere, dass sich der Name der Stadt vom italienischen Ausdruck für „Keilspitze“ ableitet und sich auf die geografische Lage auf der Hochebene zwischen den Flüssen Stura und Gesso bezieht.
Durch die Nachkriegs-Arkaden des Corso Nizza bin ich auch geschlendert, aber allmählich muss ich zurück nach Nizza - beziehungsweise erstmal nach Ventimiglia, mir fehlt ja noch ein Ast der Tendabahn.
Auf der Rückfahrt habe ich ein richtiges Ticket: Für ganze 9,75 € kann man fast drei Stunden von Cuneo bis Ventimiglia eine traumhafte Alpenbahn genießen. Der italienische Bahntarif ist deutlich günstiger als der französische: Für einen in Frankreich liegenden Teilabschnitt meiner in Italien beginnenden und endenden Fahrt würde man mehr zahlen als für die Gesamtstrecke.
Als der Schaffner mein Ticket kontrollieren will, lässt es sich mangels Internet nicht öffnen. Also kein Problem mit dem falschen Ticket gehabt, dafür ein Problem mit dem richtigen Ticket. Aber der Schaffner ist Italiener, also nessun problema.
Vor Tende schüttet es draußen. Wir haben echt ein Riesenglück, dass wir beim Radeln in den letzten Wochen so selten nass wurden (nur dreimal bei 30.000 Höhenmetern, also alle 10.000 Höhenmeter einmal nass geworden), und heute ist es ja egal, es wird nur das Zugdach nass. Als die Sonne wieder rauskommt und auf die nassen Hausdächer strahlt, ist es draußen noch schöner. Ich sitze auf der anderen Zugseite wie auf der Hinfahrt und sehe tatsächlich ganz viel Neues. Aber die Windungen der Strecke ohne Blick auf die digitale Karte nachvollziehen? Unmöglich.
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| © OpenStreetMap-Mitwirkende, Grafik: CC-BY-SA 2.0 OpenRailwayMap |
Nach einem kleinen Nickerchen meinerseits ist der Zug wieder in Braila, also ab jetzt Neuland. Wach bleiben, Markus! Noch eine gute halbe Stunde durch das Tal der Roya, wobei die Flusswindungen immer wieder durch Tunnels abgekürzt werden. Nicht so spektakulär wie der weiter oben gelegene Teil der Strecke, aber weiterhin schön.
Die neun Minuten Umstiegszeit in Ventimiglia habe ich für einen letzten günstigen italienischen Espresso genutzt, die traumhafte Bahnfahrt an der Küste entlang habe ich intensiv genossen, jetzt bin ich in einer völlig anderen Welt gelandet: Von wegen Geld stinkt nicht. Ganz Monaco stinkt nach übertrieben viel Parfüm und Schminke. Dagegen kommen die ganzen Lamborghinis, Ferraris und Rolls Royces nicht an.
Man darf nicht zu lange darüber nachdenken, ein wie viel besserer und gerechterer Ort die Welt wäre, wenn diese ganzen Möchtegern-OligarchInnen richtig besteuert würden. Wenn man darüber länger nachdenken würde, würde einen Monaco wütend machen. Ich ziehe vor, ironisch zu beobachten, wie diese ach so individuellen Multimillionäre alle gleich aussehen und alle gleich mit ihrem Vermögen rumprotzen.
Mich erinnert dieser ganze Protz an Dubai, aber Dubai hat eine schöne, authentische Altstadt, die finde ich in Monte Carlo auch beim zweiten Besuch nicht. Bei meinem ersten Besuch 2018 war ich (eine Woche vor dem Rennen) die bereits gesperrte Formel 1-Rennstrecke mit dem Fahrrad abgefahren, das war richtig großartig. Heute bin ich Teile der Rennstrecke mit dem Linienbus gefahren, das ist nicht das gleiche.
Ich höre viel Russisch, fotografiere ein paar übertriebene Yachten und Sportwagen und finde lustig, dass Monaco wirklich jedes Klischee erfüllt, das man von ihm hat (ja, es gibt auch eine Helikopterverbindung zum Flughafen Nizza).
Aber dann freue ich mich, wieder zum Bahnhof zu gehen und in ein normales Land mit normalen Leuten weiterzufahren. Auch wenn es Frankreich ist und nicht Italien. Ich freue mich auf den Abend in Nizza.



































