Mit dem TGV von Marseille nach Straßburg (und weiter nach Esslingen)

Bei der Rückfahrt der Radreise über die Route des Grandes Alpes rechne ich ab Kehl, also ab der deutschen Grenze, mit dem Schlimmsten. Aber ich war zu optimistisch: es geht schon in Marseille nichts. 

Mein Zug steht mit 25 Minuten Verspätung auf dem Abfahrtsmonitor, das Gleis wird noch nicht angezeigt. Die Bahnhofshalle ist sehr voll. Erst als ich mir noch andere Teile des schönen Bahnhofs anschauen will, verstehe ich: Der Mittelteil der Bahnhofshalle ist gesperrt. Deshalb ist es hier also so voll, und deshalb fahren keine Züge. Feuerwehr, Polizei, Bahnmitarbeiter stehen hinter der Absperrung. Später kommt noch ein vierbeiniger Mitarbeiter der Sicherheitskräfte, deshalb tippe ich auf Sprengstoffverdacht in einem Gepäckstück. Aber Infos gibt es keine. 

Aus den plötzlichen hektischen Handlungen verstehe ich, dass der gesperrte Bereich erweitert werden und die Bahnsteighalle geräumt werden soll. Das hat jetzt Deutsche-Bahn-Niveau: Die Bahnhofshalle soll geräumt werden, aber alle Rolltreppen laufen in die Bahnhofshalle, raus geht es nur per Aufzug. Ich frage einen Sicherheitsmann: "Do you speak English?" Er antwortet: "No", und sagt dann noch was auf Französisch, wovon ich "sortie", Ausgang, verstehe. Also raus aus dem Bahnhof, die Menschenmassen sammeln sich jetzt auf dem Vorplatz. Ich schwitze. Und ich hätte jetzt gerne ein Reiserad mit Ständer, das man nicht die ganze Zeit festhalten muss. 




Nach einiger Zeit - ich befinde mich mittlerweile seit 45 Minuten am Bahnhof - dürfen wieder alle rein, die Sperrung ist aufgehoben. Mein Zug steht noch auf dem Monitor, Glück gehabt, er wurde nicht um Marseille herum umgeleitet. Ich lasse mir von Google Translate einen Infomonitor übersetzen: "Der Vorfall endete um 9:55 Uhr. Mit Verspätungen und Zugausfällen ist zu rechnen. Der Bahnhof wird wieder geöffnet. Der Zugverkehr wird schrittweise wieder aufgenommen." Schon lächerlich, dass es diese Info nur auf Französisch gibt. Irgendwo in Asien oder Afrika hätte es sicher eine Erklärung auch auf Englisch gegeben. Frankreichurlaub ohne Französischkenntnisse ist echter Abenteuerurlaub (wenn man das mobile Internet ausschaltet). 

Schließlich wird angezeigt, dass mein Zug auf Gleis A abfahren wird. Hätte ich drauf kommen können, ich bin in Marseille noch nie auf einem anderen Gleis angekommen oder abgefahren. Ich komme erneut ins Schwitzen, als ich feststelle, dass der Wagenstandsanzeiger falsch ist. Von einer freundlichen Schaffnerin meinen Verdacht bestätigen lassen, zurück zum Prellbock eilen und mein Fahrrad und mich am Zugende verstauen. Es ist ein alter einstöckiger TGV, die bin ich schon ewig nicht mehr gefahren. Um 10:37 Uhr geht es endlich los. Abfahrt mit 52 Minuten Verspätung ist in Deutschland schnöder Alltag, in Frankreich voll das Spektakel. 

Die Zuggarnitur ist zwar sichtlich in die Jahre gekommen, aber 300 km/h kann er, der gute alte TGV. Und so heizen wir über Aix und Avignon durch die Provence. Ich begebe mich ins Bistro und bestelle den obligatorischen Expresso. Mein Blick fällt auf die Kreidetafel "Pour le amateurs de café un double expresso!" Der Kaffeeamateur in mir fühlt sich angesprochen. Mit leckerem doppelten Schuss und 300 km/h durch die Provence. Bahnfahren kann so toll sein. 



In Lyon wird der Zug etwas leerer. Und bald darauf deutlich langsamer: vor Maĉon wird die nach Paris weiterführende Schnellfahrstrecke verlassen, mit nur noch 160 km/h geht es jetzt durch das Tal der Saône nordwärts. Die Verspätung hat sich bei einer Stunde eingependelt. Ein Bahnmitarbeiter verteilt Wasser. Mein bescheidener Gangplatz ermöglicht nur Blicke aus dem zweigeteilten Fenster, wenn ich mich in den Seesel lümmele, sonst schaut man nur auf den Balken dazwischen. Das tut aber irgendwann am Hintern weh. Vielleicht gehe ich später nochmal ins Bistro, da kann man (im Stehen) besser rausschauen. Immerhin: Mein neues Hörbuch ("Marseille 1940") ist von Beginn an spannend. 

Der Zug hält länger in Dijon. Eine von vielen schönen französischen Städten, in denen ich noch nie war. Der TGV wechselt die Fahrtrichtung, ich habe also Zeit, mich auf dem Bahnsteig zu strecken. Draußen ist es noch wärmer als drin. Jetzt geht es wieder auf eine Schnellfahrstrecke, die erlaubt 320 km/h. Mit Vollgas vom Burgund Richtung Elsass. Schon bald nach dem TGV-Bahnhof von Besançon ist Mulhouse erreicht. Der TGV kurvt über eine Güterumgehungsbahn, um nicht erneut die Fahrtrichtung wechseln zu müssen. 


Mein dämlicher Gangplatz mit Balkenblick - diese blöden Plätze gibt es nur ganz vorne und ganz hinten im Zug, das Buchungssystem hat mich automatisch neben das Fahrrad gebucht - geht mir so auf den Nerv, dass ich tatsächlich ein zweites Mal ins Bistro gehe und mit einem weiteren Expresso und einem Salami-Snack den Blick auf die Vogesen genieße. Am liebsten würde ich in Colmar aussteigen und auf den Grand Ballon radeln. Die Beine können sich also Fahrrad fahren wieder vorstellen. 



Mit 70 Minuten Verspätung komme ich schließlich in Strasbourg an. Ich verabschiede mich von meinen netten Mitreisenden, steige aus auf den heißen Bahnsteig und steige um in den noch heißeren Anschlusszug nach Offenburg. Eigentlich wollte ich mit dem Fahrrad nach Kehl fahren, das hat sich jetzt erledigt, sonst würde ich noch später daheim ankommen, also doch für 5,20 € ein Ticket über die Grenze gekauft (was nur in der SNCF-App mit Fahradmitnahme funktioniert). Der Chatbot der SNCF erklärt mir, dass ich die 5,20 €, die ich nur wegen der TGV-Verspätung zahlen musste, nicht erstattet bekomme. Aber 25% des Fahrpreises von "Schöne Stadt" (so übersetzt Google Nice/Nizza) nach Straßburg müssten in fünf Tagen auf meinem Konto landen. Die Action in Marseille heute Morgen hat sich also finanziell ausgezahlt.




Der überhitzte und versiffte Zug der SWEG bringt mich nach Offenburg (wenn der Zug einigermaßen pünktlich ist, niemals auf den Navigator hören, der immer vorschlägt, in Appenweier umzusteigen!). Der RE nach Karlsruhe ist voll und sammelt unterwegs gut zehn Minuten Verspätung ein. Macht aber nichts, ich gerate in Karlsruhe ohnehin wieder in die abendliche Taktlücke. Der TGV würde zwar direkt nach Esslingen fahren, nimmt aber keine Fahrräder mit. Also weiter mit dem Deutschlandticket, was an einem Dienstagabend sehr viel entspannter ist, als ich es von meinen Wochenendausflügen gewohnt bin. 

Ich bin ja nicht wie geplant zum Abendessen zu Hause, also Haferkater in Karlsruhe. Da gibt es keine Bowls mehr, aber der Blaubeerensalat ist auch lecker. Auch der RE nach Stuttgart sammelt wie gewohnt zehn Minuten Verspätung ein, aber als erfahrener Bahnfahrer bin ich so nah am Stuttgarter Prellbock positioniert, dass ich den Anschlusszug kriege, obwohl der Navigator das für unmöglich hielt. 

Nun noch der Endgegner, Stuttgart - Esslingen. Stehplatz, Klo kaputt und der Schaffner kriegt das nervige Dauergeräusch Ding-Dong nicht in den Griff. RE5 halt. Ding-Dong. Aber auch den meistere ich, Ding-Dong, komme gut eine Stunde später als geplant Ding-Dong und einigermaßen geschlaucht Ding-Dong zu Hause an und kann nun Ding-Dong zurückblicken auf die vermutlich schönste Radreise aller Zeiten, die ich mit mehreren schönen Bahnfahrten (nach Grenoble, Gap, Cuneo und durch Marseille) bereichert habe. Sobald ich das Ding-Dong wieder aus dem Kopf kriege. Ding-Dong.