Marseille mit Straßenbahn und Metro

Ich mag Hafenstädte. Ich mag Altindustriestädte im Strukturwandel. Ich mag die Düfte nordafrikanischer Basare und die Düfte französischer Bäckereien. Kurzum: Ich mag Marseille. Herrschaftliche Gebäude im Pariser Stil, moderne citybranding architecture, sanierte Speichergebäude, runtergekommene Altbauten, basarähnliche Shops, viel Leben auf der Straße, viel Geschichte, viel Gegenwart, viel Hitze, viel Wind. 30 Minuten in Marseille reichen aus und ich bin komplett geflashed. Ich bilde mir die ersten Eindrücke, wie die Stadt wo aussieht, aus der Straßenbahn. Es wird schwer sein, irgendwo auf der Welt Niederflurstraßenbahnen zu finden, die schöner sind als die in Marseille. Die Straßenbahnen sind Schiffen nachempfunden und sollen auf die Bedeutung Marseilles als Frankreichs wichtigste Hafenstadt hinweisen. Ich finde das Design äußerst gelungen und die Holzsitze sehr bequem. Auch den neueren Straßenbahnen vom Typ Urbos hat man, obwohl ein komplett anderer Hersteller, wieder ein maritimes Design verpasst. 

Jahrzehentelang (genaugenommen: 1960-2004) gab es in Marseille nur eine Straßenbahnlinie und somit eine von ganz wenigen Straßenbahnen in Frankreich, die die autogerechte Nachkriegszeit überlebt hatte. Warum sie überlebt hatte? Weil sie einen Tunnel befuhr, der nicht für Busse geeignet ist. Seit 2007 wird ein modernes Straßenbahnnetz mit mittlerweile drei Linien entwickelt (die letzten beiden Streckenerweiterungen der Linie 3 wurden im Januar 2026 eröffnet, das Rasengleis ist noch nicht ganz grün), der alte Tunnel wurde ebenfalls ins neue Netz integriert, entlang der Strecken wurden 2.000 neue Bäume gepflanzt (und in Deutschland so: Aber die Parkplätze!!). 

Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs in Marseille ist aber weiterhin die Metro. Seit ihrer Eröffnung 1977 ist sie auf gerade einmal zwei Linien und 22 Kilometer Länge angewachsen. Ganz schön wenig, wenn man bedenkt, dass Marseille die zweitgrößte Stadt des Landes ist (betrachtet man die gesamte Metropolregion, liegt Marseille hinter Lyon auf Platz 3). 

Das Publikum bei meiner ersten Metrofahrt erinnert mich an die Metro in Kairo, in Kairo waren aber die Stationen und Züge deutlich moderner und besser in Schuss. Erst später lese ich, dass ich durch das Drogenkriminalitätsviertel schlechthin gefahren bin (das ich bislang nur aus der Netflixserie "Marseille" kannte). Die Straßenbahnen sind deutlich sauberer und gepflegter als die U-Bahnen. Schon bei meiner ersten Fahrt erlebe ich eine lustige Comedy in der Tram, als einer Frau ihre Honigmelone wegrollt und mehrere Personen an der Rettungsaktion beteiligt sind. 

Ich fahre mit der Metro unter der Innenstadt durch und mit der Straßenbahn mittendurch. Ich entdecke schicke Neubauten im Stadtentwicklungsgebiet Euroméditerranée im Norden und Betonbrutalismus im Süden (verpasse aber leider die vertikale Stadt von Le Corbusier - die steht beim nächsten Besuch ganz oben auf der Bucketlist). Eigentlich will ich auch noch in die Nachbarstadt Aubagne, mit der dortigen Straßenbahn fahren - aber der Bus hält nicht da, wo Google Maps und das Haltestellenschild behaupten, der Busfahrer deutet mir im Vorbeifahren an, wo ich hätte warten müssen... Also ändere ich sehr spontan meinen Plan - und das ist richtig gut. Mehr Zeit in Marseille verbringen und ein Museum besuchen ist nämlich eine sehr gute Idee. 

Nach dem Abendessen finalisiere ich noch, was ich begonnen habe: ein Teil der Tramlinie 1 (der mit dem alten Tunnel) und ein Teil der Metrolinie 1 (der über dem Mittelstreifen der Autobahn) fehlen noch. Das schaffe ich gerade so bei Helligkeit, dann bummele ich zurück ins Hotel, mittlerweile bei angenehmen 28 Grad.