Eigentlich befinden wir uns auf der Radreise über die Route des Grandes Alpes, aber in Bourge-Saint-Maurice haben wir einen Ruhetag eingeplant. Die Ruhetage gehören traditionell zu den Höhepunkten unserer Radreisen. Und meist haben sie mit meinem Eisenbahn-Hobby zu tun: mit Mini-Metros durch Perugia und Glasgow; mit Zahnradbahnen durch Lyon, auf den Schafberg und den Drachenfels; zuletzt: über schöne Bahnstrecken zum Eisenbahnmuseum nach Ljubljana. Heute auf dem Plan: Straßenbahn fahren in Grenoble.
Wolfgang entscheidet sich dagegen, mitzukommen. Er sieht in "Ruhetag" auch das "Ruhe", ich sehe vor allem das "Tag", also ein ganzer Tag Zeit zum Bahnfahren.
Um 6:13 Uhr geht es am Bahnhof von Bourg-Saint-Maurice los. Ein zweiteiliger Doppelstock-Triebzug, sowas hab ich noch nie vorher gesehen. Vor mir Pain au Chocolat und Espresso Macchiato aus dem sympathischen und günstigen Bahnhofskiosk; neben mir schon bald wunderbare Berglandschaften.
Die Strecke führt durch das Tal der Isere, vor Moûtiers durch einen Kehrtunnnel und durch den ehemaligen Olympiaort Albertville (1992), wo die Fahrtrichtung gewechselt wird.
In Chambéry-Challes-les-Eaux muss ich umsteigen. Und jetzt wird es seltsam: der Anschlusszug fährt nämlich verspätet und in die falsche Richtung. Bis ich Google Translate geöffnet habe, ist die Durchsage schon halb vorbei. Google übersetzt mir noch: "Keine Verspätungen, Ankunftszeit wie erwartet. Voraussichtliche Ankunftszeit: 9:47 Uhr". Aha. Ich hätte eigentlich um 9:02 Uhr in Grenoble ankommen sollen.
Der Pufferküsser in mir freut sich natürlich, über eine Strecke umgeleitet zu werden, die ich sonst nicht gefahren wäre. Auch die ist sehr schön. Kein Wunder, wir sind in den Alpen, da ist jede Strecke schön.
In Saint-André-le-Gaz wird erneut die Fahrtrichtung gewechselt. Wieder gibt es eine französische Übersetzung, diesmal übersetzt Google: "Fünf Minuten später bat er uns, ihn zu beleidigen". Aha. Während ich noch darüber nachdenke, wie er wohl beleidigt werden wollte, setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Jetzt sind wir auf der Hauptstrecke aus Lyon und können schneller nach Grenoble fahren.
Endlich angekommen, kaufe ich natürlich sofort eine Tageskarte für das Straßenbahnnetz und setze mich in die erste Tram, die kommt. Die englische Übersetzung des Fahrkartenautomats ist so mittel hilfreich... Er zeigt nur die Preise an, aber nicht, um welche Fahrkarte es sich jeweils handelt.
In Grenoble begann, was später in Straßburg verfeinert und schließlich in ganz Frankreich zum Erfolgsmodell wurde: die Revitalisierung der Innenstädte durch die Renaissance der Straßenbahn. Nantes hatte zwar schon zwei Jahre vorher den ersten "neuen" französischen Straßenbahnbetrieb eröffnet, aber das 1987 eröffnete Netz in Grenoble war der weltweit erste komplett niederflurige Straßenbahnbetrieb und hier wurde zum ersten Mal Stadterneuerung und Straßenbahnbau gemeinsam gedacht. Es wurden Hochstraßen gesprengt, Autobahnen in Nationalstraßen herabgestuft und neue Fußgängerzonen angelegt. Kurzum: die Lebensqualität ist deutlich gestiegen. Mittlerweile ist das Netz 43 Kilometer lang (was freilich nur halb so lang ist wie das einstige Meterspurnetz, das zwischen 1938 und 1952 stillgelegt wurde). Ein weiterer Netzausbau ist geplant. Die Stadt wird grün regiert, Kraftfahrzeuge sollen ab 2030 verboten werden. Läuft in Frankreich.
Grenoble erinnert mich sehr an Innsbruck (das ja ebenfalls bis vor kurzem grün regiert wurde), nur halt in französisch. Sprich: mehr Beton, mehr Migrationshintergrund, mehr Grad Celsius. Wie in Innsbruck: Egal, in welche Straße man schaut, man sieht immer einen Berg am Horizont. Grenoble ist laut Wikipedia die größte am Hochgebirge liegende Stadt der Alpen. Im gesamten Ballungsraum leben etwa 660.000 Einwohner. Die Innenstadt liegt nur gut 200 Meter über dem Meer (das merkt man heute an der Temperatur...), aber die Berge außenrum sind teilweise fast 3.000 Meter hoch.
Die Berge außenrum sind der Grund dafür, warum Grenoble 1968 die Olympischen Winterspiele ausgerichtet hat. Staatspräsident De Gaulle wollte seinerzeit demonstrieren, wie modern Frankreich ist. Und so hat die damals moderne brutalistische Betonarchitektur in Grenoble voll zugeschlagen. Das Olympische Dorf "La Villeneuve" hat nach den Olympischen Spielen keine sonderlich erfolgreiche Karriere hingelegt, Stichwort sozialer Niedergang. 2010 hat es durch Straßenschlachten mediale Aufmerksamkeit erfahren, danach wurden erste Gebäude abgerissen. Ich habe das Viertel nur aus dem Straßenbahnfenster gesehen, wollte bei dem Gewittersturm nicht aussteigen...
Am Nachmittag ist irgendwann der Moment erreicht, wo ich alle Straßenbahnstrecken gefahren bin, die derzeit in Betrieb sind - der Ostast der Linie B ist wegen Bauarbeiten gesperrt, der fehlt mir leider.
Ich laufe noch kurz durch die hübsche Innenstadt zur 1934 eröffneten Seilbahn auf die Bastille, angeblich die erste innerstädtische Luftseilbahn der Welt (damals noch mit anderen Kabinen). Die fünf hintereinander gekoppelten futuristischen heutigen Kabinen ("Bubbles") schmücken viele Fotos der Stadt. Die 260 Höhenmeter lange Fahrt über die Isere und hinauf zur Festung sind tatsächlich ein Genuss - aber ein schweißtreibender, in den runden Glaskabinen ist es extrem heiß.
Oben genieße ich den Ausblick, muss aber schnell wieder runter, bevor das nächste Unwetter startet. Dann stellt die Bahn nämlich den Betrieb ein, vorsorglich wurden schon keine Rückfahrkarten mehr verkauft.
Mit dem Wetter habe ich großes Glück: Beim ersten Gewitter saß ich in der Straßenbahn, das zweite Gewitter startet in dem Moment, in dem mein Zug Grenoble verlässt. Ich bin also rechtzeitig wieder von der Festung runter.
Mit der Bahn habe ich weniger Glück: in Montmélian kommt der Anschlusszug nicht. Ein spannender Umstiegsbahnhof ist das. Man muss über die Gleise laufen, um in den anderen Teil des Keilbahnhofs zu kommen. Und das an einem Bahnhof, durch den auch Hochgeschwindigkeitszüge (Paris - Turin) fahren.
Der Bahnhof ist umrahmt von Weinbergen und Felsen, leichter Regen bringt Erfrischung. Ich stehe auf Gleis 1 und warte auf den Zug, der schon um 16:03 Uhr hätte fahren sollen - mein Anschlusszug ist eigentlich der 17:03 Uhr-Zug. Plötzlich stellt sich ein Bahnmitarbeiter auf Gleis 2 und ruft etwas rüber. Ich verstehe natürlich kein Wort. Ich frage den Mann neben mir, ob er Englisch spricht und mir sagen kann, was der Bahnmitarbeiter gerade gerufen hat. Kann er: Er hat angekündigt, dass der Zug heute von Gleis 2 fährt. Also rüber auf Gleis 2 (das geht durch eine Unterführung) und weiter warten.
Um 17.33 Uhr kommt endlich der Zug. Dass er aus ganzen zwei Doppelstockwagen besteht, finde ich nicht mehr ganz so süß wie heute morgen, er ist nämlich hoffnungslos überfüllt... Im Laufe der Fahrt leert sich der Zug allmählich. Auch die Wolken leeren sich allmählich und machen wieder Platz für die Sonne. Ich genieße ein zweites Mal die Fahrt durch das schöne Iseretal. Die freundliche Schaffnerin verteilt Wasser, irgendwie sind alle voll entspannt. Eine undeutsche Bahnverspätung. Obwohl ich Deutscher bin, schaffe ich es nach diesem tollen Tag in Grenoble auch nicht, schlecht gelaunt zu sein. Aber auf mein eigentlich geplantes Abschlusshighlight muss ich verzichten: Die Standseilbahn hinauf ins Skigebiet Arc 1600 schaffe ich nicht mehr, weil der Zug so viel Verspätung hat, dass ich heute nicht wieder runterkommen würde... mal schauen, ob ich das morgen früh noch nachhole🙊




































