Bahn-Rundfahrt durch Slowenien: Wocheiner Bahn, Südbahn, Karstbahn

Die Österreicher haben die Wocheiner Bahn (gemeinsam mit Tauern-, Karawanken- und anderen Bahnen) Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut, um Süddeutschland und Westösterreich besser mit dem Hafen von Triest zu verbinden (dem durch den Bau des Suezkanals ein Bedeutungsgewinn vorausgesagt wurde). Russische Kriegsgefangene haben im Ersten Weltkrieg eine Anschluss-Feldbahn von der Wocheiner Bahn zum Wocheiner See gebaut (heute heißt er Bohinjsko jezero, gestern haben wir ihn mit dem Fahrrad aufgesucht). Die Italiener haben die Bahn nach dem Ersten Weltkrieg - das Wocheinertal hieß mittlerweile Isonzotal und gehörte zu Italien - wieder aufgebaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Jugoslawen die Bahn wiederaufgebaut - das Tal hieß nun Soĉa-Tal. Heute fährt hier die slowenische Staatsbahn.

Ein bisschen europäische Geschichte am Beispiel einer Bahnstrecke. Was für Österreich eine wichtige Verbindung zum „Hafen von Wien“ war, ist für Slowenien eine unwichtige Bummelbahn, über die ein paar Mal am Tag ein kleiner Dieseltriebwagen rumpelt. Nach Triest kommt man nur noch mit Umsteigen, die Bahnhöfe Nova Gorica (Slowenien) und Gorizia Centrale (Italien) liegen aber ein paar Kilometer auseinander. Bahnverbindung zwischen den beiden Stadtteilen gibt es nach jahrelangem Stillstand 2025 vereinzelt an Wochenenden, schließlich sind die beiden Städte (gemeinsam mit Chemnitz) Europäische Kulturhauptstadt. Aber heute ist Mittwoch.

Dass wir die Wocheiner Bahn gestern vom Fahrrad aus gesehen haben, reicht nicht: wir wollen sie vom Zug aus erleben. Wir unterbrechen unsere Radreise Zittau – Split also in Nova Gorica für einen Ruhetag. Und am Ruhetag wird natürlich nicht geruht, sondern Bahn gefahren.

Der Frühzug von Nova Gorizca Richtung Jesenice ist ein FIAT-Triebwagen der Baureihe 813/814. Zwischen 1973 und 1976 wurden 46 solcher Garnituren für die jugoslawische Eisenbahn gebaut, offensichtlich fahren manche immer noch. Beim Einsteigen hat man das Gefühl, dass wieder Nacht ist: viele Scheiben sind vollgesprayt, es funktionieren nur zwei von acht Lampen. Man kann zwar die Fenster öffnen, aber dann regnet es rein. Der Wetterbericht hat nicht zu viel versprochen. Gut, dass wir heute Fahrrad-Ruhetag machen...

Wenn wir immer wieder die Fenster freiwischen, können wir in den nächsten zwei Stunden unsere gestrige Radtour nachvollziehen – nur dass für den Zug 42 Tunnel gegraben wurden, wo wir uns mit dem Fahrrad fast 2.000 Höhenmeter quälen mussten. Der längste Tunnel, der Wocheiner Tunnel, ist 6.387 Meter lang (er war zwölf Meter länger, bevor die deutsche Wehrmacht 1945 das Nordportal gesprengt hat). Durch den Tunnel fahren Autotransportzüge – vielleicht der Grund dafür, warum auf der Passstraße gestern so überraschend wenig Verkehr war.

Trotz der schlechten Sicht: die Bahnfahrt ist ein Traum. Nicht nur, weil wir uns an ganz viele Stellen zurückerinnern können. Die Strecke ist einfach schön. Die grünen Flüsse, die vielen Brücken (Highlight selbstverständlich: die bekannte Salcanobrücke, die weltweit größte gemauerte Steinbogenbrücke), die schönen Häuser, die alt-österreichischen Bahnhofsgebäude. Diese Bahnstrecke stand schon lange auf meiner Bucketlist. Zu Recht.





Die Wocheiner Bahn endet in Jesenice, wo der Anschlusszug nach Ljubljana zum Glück auf uns wartet. Dieses Mal ist es ein moderner elektrischer FLIRT von Stadler. Die Strecke nach Ljubljana kenne ich schon, kann also ein bisschen Schlaf nachholen.

In der slowenischen Hauptstadt schlendern wir bei starkem Regen durch die autobefreite Altstadt und genießen ein leckeres Mittagessen. Die zweite Hälfte des Ljubljana-Aufenthalts verbringe ich im slowenischen Eisenbahnmuseum – beziehungsweise ziemlich lange auf dem Weg dorthin... Ich bin aus dem Starkregen in einen Bus geflohen, der steckt aber im Stau fest, nichts geht voran. Irgendwann macht der Fahrer die Türen auf und die meisten Fahrgäste steigen aus, zu Fuß kommt man schneller am Stau vorbei... Am slowenischen Eisenbahnmuseum angekommen, ist der Eingang gar nicht so einfach zu erreichen: eine riesige Pfütze liegt zwischen mir und der Pforte. Ich orientiere mich an der Besucherin vor mir und hangele mich am Rand der Pfütze entlang. Es funktioniert.



Das Museum besteht aus drei Teilen: 1. Ein alter Ring-Lokschuppen, in dem aufgearbeitete Dampfloks (und eine Modelleisenbahn) stehen. 2. Ein Gebäude, in dem verschiedenes „Eisenbahn-Zubehör“ von Stellwerken über Uniformen bis hin zu Gemälden ausgestellt sind. 3. Der Außenbereich mit Drehscheibe, in dem die Lokomotiven stehen, die noch auf die Aufarbeitung warten. Mein persönliches Highlight ist ein Schienenmofa – und mein größter Erfolg, dass ich es tatsächlich schaffe, kein Eisenbahn-Souvenir zu kaufen, dass ich noch eineinhalb Wochen und viele tausend Höhenmeter mit mir rumschleppen müsste.



Nach dem Museumsbesuch mache ich mich auf den Weg durch den Starkregen zurück zum Bahnhof. Da treffe ich Wolfgang wieder, der parallel im Museum für moderne Kunst war. Gemeinsam wollen wir zurück nach Nova Gorica fahren – aber natürlich nicht die selbe Strecke zurück, sondern über die alte österreichische Südbahn.

Seit 2021 gibt es (zumindest bis zur Eröffnung der Koralmbahn Ende 2025) wieder einmal am Tag einen durchgehenden Zug von Wien nach Triest, der dem Verlauf der historischen Südbahn folgt (nur dass die Einfädelung nach Triest heute eine andere ist). Klar, dass der auf meiner Bucketlist steht, zumal ich den Abschnitt Maribor - Triest noch nie gefahren bin. Heute ließ sich dieser EC 134 wunderbar in den Plan einbauen: nach mehreren Stunden Aufenthalt in Ljubljana mit dem EuroCity nach Triest - selbstverständlich mit Besuch im Speisewagen - und von dort mit einem der häufig verkehrenden italienischen Regionalzüge nach Gorizia Centrale auf der italienischen Seite. Laut DB Navigator kein Problem, laut Trenitalia App auch nicht, aber beide können kein Ticket für den Zug verkaufen, der slowenische Fahrkartenautomat auch nicht. Also zum Schalter in Ljubljana. Für überraschend günstige 22 € kriegen wir zwei Tickets. Drei Stunden Eurocity für 11 € pro Person? Nein: das Ticket gilt nur bis Sezana, das Anschlussticket nach Triest müssen wir „in bus“ kaufen. Nur ein Übersetzungsfehler? Nein: die ÖBB-App weiß (mal wieder) am meisten, ab Sezana wird der Zug durch einen Bus ersetzt. Das macht wenig Sinn, es ging uns ja um die schöne Strecke, und der Bus wird in Triest sicher nur im Stau rumstehen, also werden wir doch in Slowenien bleiben und von Sezana mit dem slowenischen Regionalzug nach Nova Gorica fahren. Das heißt: zumindest zwei Stunden Eurocity.

Vor der Fahrt holt sich Wolfgang noch Croissant und Getränk im Bahnhofskiosk. Ich so: „Nein, ich gehe lieber später in den Speisewagen.“ Dann kommen wir auf Gleis 6 an. Der Zug steht schon da. Aber was ist das? Von wegen Speisewagen! Auf Gleis 6 wartet ein kleiner Desiro-Triebzug, der die Fahrgäste aus dem EC aus Wien aufnimmt, der heute auf Gleis 7 endet... Abfahrtszeit plötzlich nicht mehr 14:26 Uhr, sondern 14:40 Uhr und auch kein EC. Das wusste nicht einmal die ÖBB-App. Also kein Fernzug-Erlebnis auf der Südbahn, sondern ein Regionalzug, in dem man nicht mal die nassen Jacken aufhängen kann. Aber immerhin: der Zug hat ein Dach. Wir werden also nicht mehr nass. Und hey, die Strecke ist auch mit dem Regionalzug schön. Die Auffahrt in die Karstlandschaft ist fast wie ein zweiter Semmering – nur noch deutlich dünner besiedelt. In weiten Schleifen, durch Tunnels und über Viadukte windet sich der Zug durch die verregneten Wälder. Die Bahnhofsgebäude sehen eindeutig österreichisch aus, neben jedem zweiten steht eine alte Dampflok. 1857 wurde dieser letzte Abschnitt der Südbahn bis Triest eröffnet, eine beeindruckende ingenieurstechnische Leistung. Die entgegenkommenden Güterzüge zeugen davon, dass die Strecke auch heute noch relevant ist. Weil die Strecke baustellenbedingt abschnittsweise nur eingleisig befahrbar ist, müssen wir auf die Güterzüge aber teilweise ziemlich lange warten und fangen uns 40 Minuten Verspätung ein... Damit waren alle drei bisherigen Züge heute deutlich verspätet – und der vierte wird es zum Glück auch, er wartet nämlich auf uns. In Sezana steigen wir um, diesmal in einen Diesel-FLIRT, jetzt haben wir vier verschiedene slowenische Zugtypen durchprobiert. Über die erst scheinbar menschenleere und plötzlich von vielen Siedlungen und Weinreben belebte Karsthochebene rumpeln wir jetzt zurück nach Nova Gorica, wo sich in gut 50 Minuten der Kreis schließen wird. Es war eine schöne, nasse Bahnrundfahrt durch Slowenien. Morgen geht's mit dem Fahrrad weiter nach Triest, hoffentlich hat sich das Wetter bis dahin wieder ein bisschen beruhigt...