Wien 2026: Ein Schlafwagen, ein 40. Geburtstag und die Koralmbahn

EuroNight Stuttgart - Wien

Köszäntjük járatunk fedélzetén! Welcome aboard! Willkommen an Bord! Dreisprachig begrüßt uns der Flyer im EuroNight Kálmán Imre. Reiseanlass: ein 40. Geburtstag in Wien. Transportmittel: Schlafwagenabteil. 33 Tage nachdem ich zum ersten Mal in Stuttgart in einen Nachtzug eingestiegen bin, mache ich das heute zum zweiten Mal. Allerdings vier Wagen weiter von der Lokomotive entfernt. Das heißt: nicht Richtung Venedig, sondern Richtung Budapest. Nicht Sitzwagen, sondern Schlafwagen. Nicht ÖBB, sondern MAV. Der ungarische Schaffner moniert erstmal, dass wir das Ticket nicht ausgedruckt haben. War vier Wagen weiter vorne vor 33 Tagen kein Problem. Die Lösung des Problems: der Schaffner macht ein Foto vom Handydisplay.

Das Frühstück ist inklusive - wir können sieben Elemente vom Frühstücksmenü kostenlos wählen. Jedes weitere Element kostet 1€ extra. Von Mokkakaffee bis Margarine kann man 7 aus 23 auswählen. Es ist ein ungarischer Zug, also gibt es natürlich auch Paprikasalami.

„Frühstück wird morgen nach Wecken serviert“, steht am Ende der Liste. Wecken könnte ein Ort in Österreich sein. Wecken könnten Brötchen sein. Aber Wecken ist die Tätigkeit, die der Schaffner morgen viel zu früh mit uns macht. Wir werden schon um 6:32 Uhr in Wien sein. Wäre natürlich schöner gewesen, bis Budapest (9:29 Uhr) auszuschlafen. Aber da feiert niemand 40. Geburtstag, den ich kenne.

Irgendwann tut es einen Rums und die Türen gehen zu. Wir haben alle verspäteten ICEs abgewartet und setzen uns mit 15 Minuten Verspätung in Bewegung. Kaum bewegt sich der Zug, bewegt sich auch der Schaffner in unser Abteil. Er will die Frühstücksliste einsammeln - aber die zwei Heinis mit dem digitalen Ticket haben keinen Stift dabei, müssen sich also des Schaffners Kugelschreiber leihen, um sieben Kreuze setzen zu können.

Der unglaublich nette Schaffner erklärt uns den Schließmechanismus der Abteiltür, weil „leider in Österreich wir haben Diebe“. In Salzburg zwischen 2:30 Uhr bis 3:50 Uhr haben wir dann auch keine Lokomotive, also auch keine Toilette. Außer der Züricher Zugteil kommt schön früher. Oder so ähnlich. Ich werde hoffentlich verschlafen, keine Toilette zu haben. Aber nett, dass er uns das alles erklärt.

Neun Minuten nach der Abfahrt fahren wir durch den vertrauten Bahnhof Esslingen. Draußen ist es noch resthell, vor 33 Tagen war es schon stockdunkel.

Ich öffne per QR-Code die Speise- und Getränkekarte - und erschrecke, als ich die Schnapsauswahl erblicke. Mit genau diesem Schnaps zu genau diesem Preis hatte uns im Sommer 2024 der Speisewagenschaffner zwischen Bratislava und Budapest abgefüllt. Dieses Mal müssen wir unbedingt ablehnen, wenn uns eine Decke angeboten wird.

Das Waschbecken lässt sich aufklappen. Im Schrank verstecken sich Wasser, Apfelsaft, Nüsse und Schokoriegel. Vor dem Fenster zieht Geislingen vorbei. Hinter Geislingen ist der Himmel rot. Vor Ulm gehe ich nochmal auf Toilette. Hinter Ulm schlafen wir dann auch schon bald ein.

Früher hieß es vor Familienurlauben immer „wenn ihr morgen früh aufwacht, seid ihr in Österreich“. Heute klappt das wirklich: um 5:30 Uhr wache ich auf - in Linz. Wir haben gut 20 Minuten Verspätung, ich könnte also noch weiterschlafen. Seltsamerweise fühle ich mich aber schon ausgeschlafen. Auf dem Rückweg von der Toilette drückt mir der Schaffner das Frühstückstablett in die Hand. In St. Pölten putze ich Zähne, im Wienerwaldtunnel schmiere ich mich mit Sonnencreme ein.

Um 5:57 Uhr kommt die Pushmeldung der Deutschen Bahn, dass die Ankunft in Wien jetzt wieder pünktlich ist - das stimmt nicht. Um 6:51 Uhr - wir sind mittlerweile in Wien angekommen - kommt die Pushmeldung der Deutschen Bahn, dass der Nachtzug in Stuttgart in umgekehrter Wagenreihung starten wird. So ein Quatsch. Wir sind gut und bequem im Österreich angekommen, die Unfähigkeit der Deutschen Bahn sind wir aber noch nicht ganz los.










Drei Tage Wien

Vor uns liegen nun drei Tage Wien: Raiks 40. Geburtstag, eine Radtour durch den Wienerwald, viele schöne Kaffeehäuser und eine Schifffahrt auf der Donau. Aber first things first: erstmal die beiden Bimstrecken fahren, die seit meinem letzten Besuch eröffnet wurden. Bim nennt man hier die Straßenbahn, das Netz ist eines der größten der Welt, regelmäßig wird es von den Wiener Linien erweitert. Neu hinzugekommen sind die Linie 12 zur Hillerstraße und die Linie 27 nach Aspern Nord. Erstere führt am schönen Neubauviertel auf dem ehemaligen Nordbahnhofareal vorbei, letztere führt auf der anderen Donauseite („Transdanubien“ sagt man in Wien) durch Neubaugebiete, die noch gar nicht gebaut sind. Vorbildliches Wien: erst die Bim, dann die Bebauung. Wenn die ersten Bewohner kommen, ist der gute ÖPNV-Anschluss schon da und man muss sich gar nicht erst ans Auto gewöhnen. So ist es auch in der benachbarten Seestadt, die seit einigen Jahren auf einem ehemaligen Flugfeld in die Höhe und zunehmend auch in die Breite wächst. Neubauviertel in Wien sind richtig spannend, weil: abwechslungsreiche Architektur, Funktionsmischung und es wird auch an das Soziale gedacht, nicht nur an die Gewinnmaximierung.

Ich könnte ewig von Wien schwärmen, der leiwanden Stadt, in der ich 2008/2009 mal studiert und meinen allerersten Blog gefüttert hatte. Ich könnte schwärmen von der Otto-Wagner-Architektur der alten U-Bahnhöfe, vom besten ÖPNV der Welt, von Lebensqualität, von großer Geschichte und vielversprechender Zukunft - aber irgendwann ist es leider Montag und die Rückfahrt nach Stuttgart steht an. Also fahre ich mit der bequemen S-Bahn zum Hauptbahnhof und bequeme mich zum richtigen Bahnsteig - aber nicht, bevor ich in der Bahnhofsbuchhandlung noch ein Buch über die Wiener Bim gekauft habe.




















Von Wien über Aspang-, Semmering-, Koralm- und Tauernbahn nach Stuttgart

Der kleinste Zug im großen Wiener Hauptbahnhof steht auf Gleis 11 im Abschnitt E: ganz verloren brummt da ein kleiner Dieseltriebwagen vor sich hin. Wie hat der sich denn in die Stadt verirrt? Sind sein Revier nicht abgelegene Bimmelbahnen mit geringem Fahrgastaufkommen?

Das spannende ist: eine solche Bimmelbahn beginnt direkt in Wien. „R95 nach Traiskirchen Aspangbahnhof“ steht auf dem Abfahrtsanzeiger. Um die Strecke nach Wiener Neustadt fortzusetzen, muss man dort umsteigen. Warum auch immer. Laut DB Navigator geht das nur mit über einer Stunde Umstiegszeit, laut ÖBB Scotty geht es mit 4 Minuten Umstiegszeit direkt weiter. Ich vertraue der ÖBB.

In Wiener Neustadt werde ich dann in den Railjet umsteigen, den ich eigentlich gebucht habe, den ersten Teil des Tickets lasse ich verfallen. Mit dem Railjet fahre ich dann bis nach Salzburg, da steige ich in die Westbahn um, die ich eigentlich schon ab Wien gebucht hatte, den ersten Teil des Tickets lasse ich verfallen. Ja, genau. Die direkte Rückfahrt nach Stuttgart war schon gebucht, als mir einfiel, dass ich ja die im letzten Dezember eröffnete Koralmbahn noch nie gefahren bin und noch in die Rückfahrt einbauen könnte. Also hab ich einen Railjet gebucht, der über Semmering-, Koralm- und Tauernbahn nach Salzburg fährt und dort Anschluss an die Westbahn nach Stuttgart hat. Dieses Ticket hatte ich schon gebucht, als mir einfiel, dass ich ja die Aspangbahn noch nie gefahren bin und noch in die Rückfahrt einbauen könnte. Also hab ich eine Bummelzugverbindung über Traiskirchen nach Wiener Neustadt gebucht.

So kommt es, dass ich jetzt in diesem Bummelzug sitze. Der kleine Jenbacher Triebwagen verbirgt nicht, dass er ein Kind der 80er ist. Die braunen Originalsitze, die roten Gepäckablagen, die Düwag-artigen „Aussteigen bitte Knopf drücken“-Knöpfe, die Anweisung „während des Aufenthaltes in den Stationen ist die Nützung des WC nicht gestattet“: uriger als in einem 5047er-Triebwagen kann man mit der ÖBB nicht unterwegs sein.

Schon bald nach der Abfahrt eilen wir durch den Zentralverschiebebahnhof Wien-Kledering, der direkt neben dem Zentralfriedhof liegt. Ganz schön viel zentral, dafür, dass wir hier definitiv nicht mehr zentral sind. Der Zug beeilt sich, die Hauptstrecke zu verlassen, bevor er vom nächsten REX nach Bratislava oder dem nächsten RJ nach Budapest zerquetscht wird.

Geschafft: in einer Rechtskurve wird die Hauptbahn verlassen. Der kleine Triebwagen kann durchatmen - und abbremsen. Maximal zulässige Geschwindigkeit ab sofort: 60.  „Nächster Halt: Maria Lanzendorf“, verkündet der Lokführer. Nichts Digitalanzeige, nichts KI-Stimme, nichts mehr zentral. Keine Oberleitung mehr, kein zweites Gleis mehr, dafür ganz viele unbeschrankte Bahnübergänge und ein gemütliches Schaukeln. Am Horizont der Wienerwald, rechts ganz entfernt die Hochhäuser von Wien, aber neben dem Gleis nur noch Äcker und Felder, vereinzelt mal ein Gewerbegebiet mit Gleisanschluss. Der Bruch von Wien in die ländliche Idylle ist ein harter Bruch. Unverständlich, dass ich hier noch nie gefahren bin. Gut, dass mir die Idee kam, das heute noch mit einzubauen. War übrigens die letzte Bahnstrecke mit Personenverkehr in Wien, die ich noch nie gefahren bin.

In Laxenburg könnte man aussteigen und das Habsburgerschloss besuchen. Aber ich bin heute früh schon durch Schönbrunn gejoggt, mein Habsburgerbedarf für heute ist gesättigt. Jetzt muss der Eisenbahnbedarf gestillt werden.

NATÜRLICH ist der 4-Minuten-Umstieg in Traiskirchen kein Problem, ich bin ja in Österreich. Ich verstehe zwar nicht, warum ich auf der selben Strecke mit der selben Liniennummer in den selben Zugtyp umsteigen muss, der aus Wien kommende Zug könnte ja auch einfach nach Wiener Neustadt weiterfahren und umgekehrt, aber irgendeinen betrieblichen Grund wird es geben.

Pünktlich um 11:02 Uhr geht es weiter. Fun fact: auch der Lokführer ist umgestiegen. So verkündet weiterhin die selbe Stimme die nächsten Provinzbahnhöfchen. Der zweite Bahnhof im zweiten Zug ist Oberwaltersdorf. Hier hat Magna-Gründer Frank Stronach eine amerikanische Retortensiedlung samt Golfplatz in die Ebene geklotzt, den Luxus von „Fontana“ erblickt man aus dem Zugfenster allerdings nicht. Dafür hat man einen schönen Blick auf den schneebedeckten Schneeberg, der sich mit der Salamander-Zahnradbahn erklimmen lässt.

Einst sollte die Aspangbahn von Wien bis Thessaloniki führen, heute ist sie eine Lokalbahn mit wenig Bedeutung - zwei andere Bahnstrecken von Wien nach Wiener Neustadt sind schneller und wichtiger.

Auf einer der beiden schnellen Strecken kommt mein Railjet aus Wien angerauscht. Er hat den interessanten Zuglauf Wien – Graz – Klagenfurt – Salzburg – München, fährt also genauso einen Quatsch wie ich. „Willkommen im Railjet 112 nach München Hauptbahnhof. Der nächste Halt ist Mürzzuschlag.“ Die Begrüßung klingt unspektakulär. Aber was zwischen den beiden Halten Wiener Neustadt und Mürzzuschlag liegt, ist durchaus spektakulär: die Semmeringbahn. Die älteste aller Alpenbahnen, UNESCO-Weltkulturerbe, eine herrliche Bahnstrecke mit hohen gemauerten Viadukten und mehreren Kehrschleifen. Gediegener kann man den Alpenhauptkamm kaum queren. Der Railjet 112 überquert auf seinem Fahrtweg von München nach Salzburg gleich zweimal die Alpen, über die Tauernbahn geht es später zurück auf die Alpennordseite. Aber jetzt zeigt der Kinofilm vor dem Fenster in Wagen 24 erstmal Schneeberg, Rax und die Zufahrt zur Semmeringrampe.

Ich bin auf der Semmeringbahn immer überrascht, dass sie gar nicht so alpin wirkt, sondern eher mittelgebirgig. Eher Schwarzwaldbahn als Berninabahn, aber mit mehr Viadukt. Und mit einem Reh, dass am Wiesenhang oberhalb des Gleises grast und neugierig in meinen Großraumwagen schaut.

Nach der Fahrt über das Kalte Rinne Viadukt, das wohl schönste und bekannteste Viadukt der Strecke, sehe ich einen Banner „Ghega-Museum“. Dem Erbauer der Bahn wurde am Semmering-Bahnwanderweg also ein eigenes Museum gewidmet. Das Museum der Bahn selbst, das Südbahn-Museum, sehe ich später am Bahnhof Mürzzuschlag. Beide Museen kommen natürlich auf meine Bucketlist. Und den Wanderweg sollte ich nochmal wandern, bevor 2029 der Semmering-Basistunnel eröffnet und der Fernverkehr von den fotogenen Viadukten verschwinden wird.

Ab Mürzzuschlag ist die Strecke etwas weniger spektakulär. Schön ist sie weiterhin. Ab Bruck an der Mur geht es an selbiger entlang nach Graz. Der parallel verlaufende Radweg erinnert mich an eine schöne Radreise im Sommer 2021.

In Graz beginnt der Grund, warum ich heute nicht die direkte Route über die Westbahn nehme: die 127 Kilometer lange, im Dezember 2025 eröffnete Koralmbahn. Ich tausche temporär meinen Sitzplatz in Wagen 24 gegen den Speisewagen und beobachte, wie der Railjet durch Graz-Puntigam beschleunigt. Bei den Containertürmen am Cargo Center Graz hat er schon seine Höchstgeschwindigkeit erreicht, mit der er nun von der Hauptstadt der Steiermark in die Hauptstadt Kärntens rasen wird. Die Bahnfahrt von Graz nach Klagenfurt wurde verkürzt, mein Kaffee im Speisewagen ist verlängert.

Bei der Einfahrt in den Bahnhof Weststeiermark erblicke ich einen Teil der Tunnelbohrmaschine, der hier als Denkmal für den Bahnbau aufgestellt wurde. Nach einem kurzen Stopp geht es weiter. Am Nachbargleis beschleunigt die S61 Richtung Deutschlandsberg Stadt und verlässt den Bahnsteigbereich vor dem Railjet. Das lässt sich der nicht gefallen: er gibt Gas, überholt die nach rechts abbiegende S-Bahn und nimmt Fahrt auf. Kurz kann man noch der S-Bahn hinterherschauen - dann verschwindet der Railjet im Tunnel. Und zwar für 32,9 Kilometer: der Koralmtunnel ist der längste Tunnel Österreichs. Zumindest so lange der Brenner-Basistunnel noch nicht fertig ist.

Das Display über dem Gang zeigt 227 km/h. Die Strecke ist für 250 km/h zugelassen, aber der Railjet kann nur 230. In zwei Wochen geht es für mich erneut in die Steiermark, dann kann ich testen, ob der ICE im Tunnel auf 250 beschleunigt.

Zurück am Platz, verlässt der Zug den Tunnel und erreicht gleich danach den Halt St. Paul im Lavanttal. Diesmal steht am Nachbargleis keine steiermärkische S-Bahn mehr, sondern eine kärntnerische S-Bahn. Aber vorbildlich, wie die neue Strecke ins Bahnnetz und den Taktfahrplan eingebunden wurde. So profitieren nicht nur Graz und Klagenfurt von der Milliardeninvestition, sondern auch das Hinterland.

Die Jauntalbrücke über die Drau sieht auf Fotos super aus, aus dem Zug raus sieht man aber leider gar nichts außer Lärmschutzwänden. Muss also nochmal mit dem Fahrrad wiederkommen – der Drau-Radweg hängt unter den Gleisen und überquert in etwa 100 Metern Höhe den Fluss.

Mit 230 km/h rauschen wir durch Felder und Wälder Klagenfurt entgegen, das schon bald erreicht ist. Prä Koralmbahn hat man mit der Bahn von Graz nach Klagenfurt drei Stunden gebraucht, der Marktanteil der Bahn lag bei 1 %. Heute schafft es der stündliche Railjet in 54 Minuten. Alle zwei Stunden fährt sogar ein Railjet Express ohne Zwischenhalt in 41 Minuten. Der Vollständigkeit halber: fünfmal täglich fährt die Westbahn mit einem Zwischenhalt in 44 Minuten. Der Marktanteil der Bahn dürfte deutlich gestiegen sein, dafür spricht auch die große Nachfrage in meinem Railjet 112.

Auch westlich von Klagenfurt ist der Zug weiterhin gut gefüllt. Am linken Fenster der Wörthersee, im Hintergrund die Berge, die Österreich von Slowenien trennen. Kärnten ist einfach schön.

In Villach kann ich mich erneut an schöne Radreisen zurückerinnern, zuletzt bin ich hier auf dem Weg von Zittau nach Split durchgekommen. Auf der weiteren Fahrt nach Salzburg fährt der Railjet dann parallel zum Alpe-Adria-Radweg, den ich 2013 unter die Räder genommen hatte. Erst durchs Drautal, dann auf die Hohen Tauern zu, nach dem Tauerntunnel durch das Gasteiner Tal wieder bergab. Eine wunderschöne Strecke, jedes Mal aufs Neue, erst recht bei so Kaiserwetter wie heute.

Meine Freude über die Strecke währt bis Salzburg-Aigen. Da bleibt der Zug dann stehen und öffnet die Türen und die Schaffnerin verkündet, dass wir auf unbestimmte Zeit nicht weiterfahren können. Der Salzburger Hauptbahnhof ist komplett gesperrt. Dort ist aus einem Güterwaggon eine brennbare Chemikalie ausgetreten. Berufsfeuerwehr, Polizei und Rettung sind im Großeinsatz.

Wenn ich rauchen würde, würde ich wie viel andere auf dem Bahnsteig rauchen. Aber ich bin kein Raucher, ich bin Leser. Nach einem Spaziergang über den Bahnsteig widme ich mich wieder den „Mythen der Geographie“ von Paul Richardson. Ich kann mich dem Buch ziemlich lange widmen... der Hauptbahnhof bleibt gesperrt, wir bleiben gestrandet. Zum Glück für mich ist auch die Westbahn nach Stuttgart, in der meine Freundin schon sitzt, gestrandet – ich will ja schließlich in Salzburg in die Westbahn dazusteigen. Wäre nicht so gut, wenn die mich jetzt überholt, ich will heute ja noch heimkommen...

Um 18.40 Uhr, nach einer knappen Stunde Standzeit, gibt's Freigetränke. Ich fühle mich gut informiert, aber es gibt halt keine neuen Infos. Durst habe ich jetzt keinen mehr.

Plötzlich dann die erlösende Durchsage, dass es gleich weitergeht - und tatsächlich: Um 18:55 Uhr setzt sich die Garnitur langsam wieder in Bewegung. Statt planmäßig 17:53 Uhr erreichen wir den Salzburger Hauptbahnhof um 19:09 Uhr. Ärgerlich für alle anderen: aufgrund der großen Verspätung endet der Zug hier und fährt nicht nach München weiter. Gut für mich: Ich habe noch genug Zeit, um im Sparmarkt Abendessen zu kaufen und überrascht festzustellen, dass es in Salzburg regnet. Aber das macht es hier ja meistens.

Man sieht dem Bahnhof nicht an, dass er gerade eine Stunde lang gesperrt war: viele Menschen, viele Züge, alles normal. Nur dass alle Züge eine Stunde Verspätung haben. Also deutsche Normalität auf österreichischem Boden.

Die Westbahn ist gewohnt bequem, das Personal gewohnt freundlich. Ich würde das spannende Buch gerne fertig lesen, aber mich übermannt eine große Müdigkeit, ich muss Teile der Fahrt verschlafen.

Die Fahrdienstleitung ist so clever, den Zug über Merklingen umzuleiten, also rast er über die Schnellfahrstrecke, statt über die Geislinger Steige zu schleichen. Und so beenden wir dieses schöne verlängerte Bahnwochenende immerhin noch kurz vor Mitternacht. Es war wunderschön in Wien. Und im ungarischen Schlafwagen. Und auf der Aspang-, Semmering-, Koralm- und Tauernbahn auch. Gute Nacht!