Ins Sauerland und auf den höchsten Berg von NRW

Frau Jung, die schon ein bisschen älter ist, ist die netteste Speisewagen-Mitarbeiterin, die ich je erlebt habe. Die rheinische Frohnatur sieht den Verband an meiner Hand und fragt, ob ich beim Frühstücken Hilfe brauche. Kürzlich war einer da, der ist vom E-Bike gefallen, weil eine Autofahrerin ihm die Vorfahrt genommen hatte, der hatte ne Bandage an der rechten Seite, dem hat sie dann die Brötchen geschmiert und den Kaffee mit Strohhalm serviert. 

Ich kann meine Brötchen selber schmieren, ist zum Glück „nur“ ein geprellter Finger. Passiert ist es in der Bahn, Dank der Verkettung von Murphy’s Gesetz und dem ersten Newtonschen Gesetz: Ich hab im fahrenden Zug versucht, das fallende Fahrrad zu retten und mich dagegen entschieden, auf die andere Frau zu stürzen. Blieb nur ein unglückliches Abfangen am Tisch übrig... Deshalb der Verband, der Frau Jung gleich auffällt. 

Ich genieße mein französisches Frühstück mit Cappuccino zwischen Frankfurt und Köln im ICE 1014. Sobald man mir beim Auto fahren bei 300 km/h ein Frühstück serviert und die Fahrt nach Dortmund 20,99 € kostet, ist Auto für mich eine Alternative. Bis dahin bleibt Bahn fahren einfach unerreicht.

Aber es war gar nicht selbstverständlich, dass ich den ICE erreicht habe, schließlich musste ich vorher mit der Bahn von Esslingen nach Stuttgart fahren... Um 5:54 Uhr, 6:02 Uhr oder 6:12 Uhr hätte es theoretisch Züge gegeben. Aber 5:54 Uhr und 6:12 Uhr fielen aus. Ich nahm also den MEX um 6:02 Uhr, um in Stuttgart meinen ICE zu kriegen und dachte mir: Wenn der pünktlich ist, habe ich genug Puffer für den Umstieg. Er war allerdings nicht pünktlich... Der Umstieg war ziemlich knapp. Aber ich musste den ICE kriegen, ich hatte den Sparpreis mit Zugbindung erst ab Stuttgart gebucht. 

Mein Trick hatte diesmal leider nicht funktioniert: Monate im Voraus einen Tagesrandlagen-Sparpreis für 20,99 € nach Dortmund gekauft, weil ich mir sicher war, dass der gebuchte Zug eh wieder ausfällt oder gar nicht mehr existiert, bis ich die Reise antrete und die Zugbindung aufgehoben wird. Aber nein: es gibt den Zug immer noch, und ich musste wirklich früh aufstehen. 

Die Sonne geht bekanntlich über dem Odenwald auf. Das wissen alle, die in der Metropolregion Rhein-Neckar leben. Über dem Taunus hingegen hängt Nebel. Und im Westerwald pfeift der Wind sehr kalt. Ich genieße die morgendlichen Fahrt durch die westdeutschen Mittelgebirge und lese dabei „Der alte Patagonien-Express“ von Paul Theroux. Zumindest so lange, bis sich irgendwo zwischen Stuttgart und Mannheim plötzlich ein Typ in die Sitzreihe neben mir setzt, der abwechselnd mit stinkendem Desinfektionsspray auf seiner Hose rumrubbelt und in sein Handy spricht. Ich kann mich nicht mehr aufs Lesen konzentrieren, ständig fällt neben mir das Wort „Granatapfelkerne“. Es ist unklar, ob er telefoniert, ob er sich das Rezept einspricht, damit er es beim Kochen abhören kann, ob er einen Podcast aufnimmt und deshalb die Stelle mit den Granatapfelkernen so oft wiederholt, bis sie perfekt ist oder ob er einfach nicht in der Lage ist, leise zu lesen. Ich bin auf jeden Fall nicht mehr in der Lage dazu. Irgendwann schläft der Granatapfelmann ein und es ist endlich Ruhe. Als ich von meinem Besuch bei Frau Jung im Speisewagen zurückkehre, schläft er zum Glück immer noch. 


Das Großbordell, in das man bei der Einfahrt in den Düsseldorfer Hauptbahnhof reinschauen kann, wurde schon oft in Reisebeschreibungen erwähnt. Ich finde die kameraüberwachte Feuchtwiese bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof überraschender. Irgendwann bald wird hier wohl der selbe charakterlose Neubau entstehen, der schon an so vielen deutschen Bahnhofsausfahrten steht. 

Leider ist der Granatapfelmann wieder wach. Diesmal ist es eindeutig ein Telefonat. Er telefoniert ernsthaft mit der Lautsprecherfunktion, damit er während des gesamten Telefonats an seinen Schuhen rumfummeln kann. Der ganze Wagen ist Ohrenzeuge, dass Smalltalk nicht seine Stärke ist. Aber vielleicht kann er ja kochen. Irgendwas mit Granatapfelkernen.

Der Granatapfeldepp steigt in Gelsenkirchen aus. Bald darauf ist der Endbahnhof Dortmund erreicht - mit nur fünf Minuten Verspätung. Wow. 


Die 8° C in Dortmund fühlen sich deutlich kälter an als die 6° C in Esslingen. Der Wind peitscht den Nieselregen ins Gesicht. Nä, da verzichte ich auf Stadtbummel. Erstmal ein wärmender Espresso bei Haferkater, dann beginne ich einen Bahnschlenker nach Neuenrade. Die Strecke dorthin bin ich noch nie gefahren, kann aber nur den Südteil befahren - der Abschnitt von Unna nach Fröndenberg ist seit Jahren gesperrt, weil Dachse den Damm durchlöchert haben. Ich vermute, dass diese Bahnstrecke die letzte sein wird, die mir irgendwann mal fehlen wird, bevor ich dann endlich das gesamte Bahnstreckennetz Deutschlands gefahren bin. 

„Ihr heutiger Anschluss in Fröndenberg wird voraussichtlich nicht erreicht“, behauptet der DB Navigator. Doch, wird er. Und mein Verband an der Hand führt mal wieder dazu, dass ich sehr schnell ins Gespräch komme. Diesmal mit einem sehr netten älteren Herrn, der mit der Bahn zum Bäcker gefahren ist. Wenn im Sauerland alle so nett sind wie dieser Herr, dann wird das ein herrliches Wochenende. 


In Neuenrade gibt es einen Weinberg und ein Kinderkarussell, zwei Glücksorte aus dem gleichnamigen Sauerland-Reiseführer. Aber ich habe kein Glück mit dem Wetter, bei diesem nasskalten Rilkewetter steige ich schnell wieder in den Zug zurück nach Fröndenberg. Eigentlich wollte ich ja einen anderen Weg zurück nach Dortmund fahren, aber im Lennetal fallen alle Züge aus... Also geht es wieder durch das Hönnetal zurück. Auch das ist wunderschön, diese Bahnstrecke ist auch eine zweite Fahrt wert.



Der schönste Abschnitt führt durch das Durchbruchstal rund um den ehemaligen Haltepunkt Klusenstein. Sehr schön ist auch die Balver Höhle, eine in den Berg hineingebaute Veranstaltungslocation kurz vor dem Halt Sanssouci. Am Bahnhof Binolen blickt man auf Fachwerk und Schiefer, gleich daneben auf Schweine.



Am Ende der schönen Fahrt finde ich in Fröndenberg eine zwar nicht wirklich windgeschützte, aber zumindest überdachte Wartehalle. Eine Gruppe von jungen Frauen trinkt dort laut lachend Schnaps. Es ist 12:56 Uhr. Die Frauen haben vorne guter Laune, hinten gute Laune, gute Laune einfach überall - und singen das lautstark. Ich bin ein bisschen neidisch.

In Dortmund treffe ich Manu und Tobi, in Hagen kommen Lina und Ferdi dazu, in Altena Christian. Das Sauerlandwochenende mit den wunderbaren alten Studienfreunden kann beginnen.



Warum versammeln wir uns in Altena? Weil wir das Drahtmuseum besuchen wollen. Alle sind auf Draht, und alles ist aus Draht. Das nehme ich als Message mit und sehe jetzt überall Drähte.



Für den Erlebnisaufzug zur Burg Altena ist es jetzt leider zu spät, stattdessen fahren wir los zur Ferienwohnung in Arnsberg. Die Bezirkshauptstadt ist nicht zuletzt bekannt durch einen Bewohner des Stadtteils Niedereimer. Der ist seit einem Jahr Bundeskanzler. Wie lange er es noch bleiben wird, ist aktuell ziemlich offen. Immerhin: Friedrich III. war nur 99 Tage lang Deutscher Kaiser. Friedrich IV. Merz ist jetzt schon länger an der Macht.

Erst hört man aus dem Führerstand „Scheiße“, später „zum Kotzen“. Was man nicht mehr hört, ist der Dieselmotor des PESA-Triebwagens. In Arnsberg-Neheim-Hüsten hat der Lokführer den Zug abgewürgt. Mit ein paar Minuten Verzögerung schaffen wir aber auch noch die letzten Kilometer. 

Am nächsten Morgen setzen wir die Fahrt auf der Oberen Ruhrtalbahn fort. Sieben Minuten Verspätung bei sieben Minuten Umsteigezeit auf den Ersatzbus im Brilon Wald. Puh. Man findet im Navigator nicht raus, ob der Zugteil nach Warburg der vordere oder der hintere ist, wir sollten nicht in den Zugteil nach Winterberg einsteigen, der zweigt vorher ab. 

Als der Zug endlich kommt, Überraschung: es gibt nur einen Zugteil. Nach Winterberg. „Mehrere Wagen fehlen“ heißt scheinbar, dass es den Zugteil nach Brilon gar nicht gibt. Aber das steht nirgends, es gibt keine Durchsagen und die Schaffnerin hat auch keine Ahnung. Was daran liegen könnte, dass sie gar keine Schaffnerin ist, sondern nur eine Fahrgastbefragung macht. 

Ticketkauf für die zwei ohne Deutschlandticket ist auch nicht trivial: das NRW-Ticket gibt es nicht mehr, das heißt jetzt 24h NRW, man findet es aber nicht im DB Navigator, man muss sich erst im Ticketshop NRW registrieren. SO kriegt man die Menschen nicht zum Umstieg aus dem Auto in den Zug...

Da es auch am Abzweigbahnhof Bestwig weiterhin null Info zum fehlenden Zugteil und etwaigen Ersatzlösungen gibt, entscheiden wir uns, die geplante Tour umzudrehen: wir wandern auf dem Rothaarsteig also nicht von Willingen nach Winterberg, sondern von Winterberg nach Willingen.

Die Bahnstrecke an der immer kleiner werdenden Ruhr entlang nach Winterberg bin ich noch nie gefahren (bei meiner Radreise auf den Ruhrtalradweg mussten alle mit Fahrrad in Dortmund in einen Bus steigen, bei meiner NRW-Reise vor zwei Wochen war sie gesperrt). Sie hat zwar ihre einstige Bedeutung (mit vielen Ausweich- und Abstellgleisen für Wintersport-Sonderzüge) längst verloren, landschaftlich reizvoll ist sie immer noch. 

Am Endbahnhof in Winterberg tauschen wir den warmen Zug gegen den kalten Rothaarsteig – machen aber erst einen Abstecher mit der Rolltreppe zum Marktplatz. Die schöne Wanderung führt uns erst zur Ruhrquelle und später auf den Clemensberg. Vom 840 Meter hohen dritthöchsten Berg NRWs blicken wir auf den 842 Meter hohen zweithöchsten Berg NRWs, den Kahlen Kasten. Wir hinterlassen unsere Spuren auf nassen Pfaden und im Gipfelbuch. 











An der Hochheide-Hütte wärmen wir uns mit einer Suppe mit Ohren (zumindest sehen die Brote so aus). Dann ist es so weit: der Schlussanstieg auf den höchsten Berg von NRW, den 843 Meter hohen Langenberg, steht an. Oben erwarten uns Rastplatz, Grenzstein, Gipfelkreuz und Gipfelbuch. Ich feiere den Abschluss meines 16-Summits-Projekts: NRW hatte noch gefehlt, jetzt war ich auf den höchsten Gipfeln aller 16 Bundesländer (vier andere Gipfelbesteigungen kann man hier nachlesen).





Der Abstieg ist viel weniger steil als befürchtet, schnell sind wir in Willingen und warten auf den verspäteten Schienenersatzverkehr. Spontan bauen wir noch einen Schlenker über Brilon Stadt ein - so kann ich noch eine neue Bahnstrecke sammeln, und wir können unseren Bildungsauftrag damit erfüllen, dass wir auch im Geburtsort von Friedrich Merz kurz gewesen sind. Zum Abendessen sind wir dann wieder in Merz' Wohnort. Aber der Kanzler ist in Berlin, er muss mal wieder um sein politisches Überleben kämpfen.




Wenn wir zwei Nächte in Arnsberg verbringen, müssen wir uns das hübsche Städtchen natürlich auch mal anschauen. Das machen wir am Sonntagvormittag nach dem Checkout. Zum Frühstück in den Bäcker aus der Neuzeit, danach zur Altstadt aus dem Mittelalter und zu Gartenhäuschen aus dem Klassizismus. Der Schlosshügel eignet sich hervorragend, um Kastanien herunterrollen zu lassen, was die Erwachsenen noch mehr erfreut als den kleinen Ferdi. Spuren von Friedrich Merz finden wir in seinem Wohnort wenige, nur am Horizont das Amtsgericht, in dem Charlotte Merz arbeitet und auf einem Laternenmast ein Aufkleber „MRZ LCK [Eier]“.








Nach dem Abschied von Lina, Christian und Ferdi beende ich mit Tobi und Manu in der herrlich sympathisch altmodischen Eisdiele von Giorgio Franceschin die Eissaison 2026. Danach begeben wir uns ein letztes Mal zum Bahnhof Arnsberg. Ankunft auf Gleis 1 am Freitagabend, Abfahrt von Gleis 1 am Samstagmorgen, Ankunft auf Gleis 2 am Samstagabend - jetzt fehlt uns für den Sonntagmittag nur noch Abfahrt von Gleis 2, mehr kann man hier nicht rausholen. 

Wir fahren nicht bis Dortmund Hauptbahnhof durch, sondern steigen schon in Hörde aus und spazieren noch gemeinsam zum Phoenix-See, wo wir 2008 gemeinsam auf Uni-Exkursion waren - und wo ich zuletzt vor zwei Wochen war. In der Dortmunder Innenstadt verabschiede ich mich von Tobi und Manu. Für sie geht es zurück nach Berlin, für mich nach Esslingen - aber erst sammle ich noch die letzte Dortmunder Stadtbahnstrecke (U42 nach Grevel), sie war bei meinem Besuch vor zwei Wochen gesperrt. Damit habe ich jetzt 53 von 64 deutschen Straßen-/Stadtbahnnetzen komplettiert (ja ok, in Dortmund fehlt mir noch ein Stück von der H-Bahn und die Station Stadion, die nur bei BVB-Heimspielen bedient wird...). 






Meine Rückfahrt funktioniert natürlich nicht mehr so, wie ich sie mal gebucht hatte, aber ganz kurzfristig wurden zwischen Hagen und Siegen doch wieder Express-Ersatzbusse über die wohl schönste Autobahn Deutschlands („Sauerlandlinie“ A 45) eingeführt, sodass ich auf den Quatsch, den mir die Deutsche Bahn vorschlägt (mit knappen Umstiegen in Essen, Düsseldorf, Köln und Siegen) verzichte. Stattdessen: „Schönen Tach zusammen, das ist der Expressbus direkt nach Siegen“. Ich genieße aus der ersten Reihe den Blick von den baufälligen Talbrücken. Die Brennerautobahn des kleinen Mannes besteht in erster Linie aus Baustellen. 





Weil die Verbindung, die mein gesunder Menschenverstand gefunden hat, eine Stunde schneller ist als das, was der DB Navigator vorgeschlagen hatte, kann ich in Siegen noch essen gehen und eine riesige L'Osteria-Pizza genießen. Im RE nach Frankfurt reise ich danach mit Paul Theroux von Mexiko nach Guatemala. 

Bei 8° C Außentemperatur ist die Frankfurter Bahnhofshalle ziemlich kalt. Ich wärme mich im Zeitschriftenladen, bis der um 22 Uhr schließt, aber mein verspäteter ICE immer noch nicht da ist... Irgendwann kommt er dann doch und ich verschlafe die schnelle Fahrt nach Stuttgart.

Der letzte Zug, der Stuttgart Hauptbahnhof oben heute verlässt, bevor die Nachtbaustelle einsetzt, ist der MEX nach Tübingen um 23:23 Uhr von Gleis 15. Mein ICE kommt um 22:22 Uhr auf Gleis 5 an. Zum Glück habe ich nur einen kaputten Finger, die Beine funktionieren beide und ich schaffe den Anschluss. Im Stellwerk lachen sie sich wahrscheinlich wieder kaputt über das wilde Gerenne, das sie mal wieder verursacht haben.

Stuttgart - Esslingen ist wie immer wieder der Endgegner, aber die Heimfahrt mit den besoffenen Wasenbesuchern kann mir die Erinnerung an ein wunderbares Wochenende mit wunderbaren Freunden nicht vermiesen. Schöner hätte ich das 16-Summits-Projekt nicht abschließen können.