Der Plan war eigentlich nicht schlecht: Wieland und ich besuchen übers Wochenende Freunde in Kaiserslautern, kombiniert mit Radtouren im Pfälzer Wald: Samstagvormittag von Worms nach Kaiserslautern radeln, Sonntag ganztags von Kaiserslautern nach Karlsruhe radeln.
Dann kam es ganz anders.
Der Umstieg in Mühlacker war der, bei dem wir uns sicher waren, dass er nicht funktionieren wird. Vom RE 1 Stuttgart – Karlsruhe in den RE 71 nach Heidelberg umsteigen. In vier Minuten mit Fahrrädern den Bahnsteig wechseln. Eigentlich unmöglich, weil der RE 1 eigentlich nie pünktlich ist.
Aber der Umstieg war nicht das Problem.
Das Problem war: gleich nach der Ankunft im Anschlusszug stelle ich fest, dass ich mein Handy nicht mehr habe. Ich muss es im anderen Zug liegen gelassen haben. War das das dumpfe Geräusch, das ich irgendwann gehört hatte? War mir das Handy runtergefallen? Ich durchsuche mehrmals alle Taschen, aber das Handy ist definitiv weg.
Der freundliche Mitarbeiter der Arverio-Hotline verrät mir, dass der Zug, in dem mein Handy liegt, um 8:06 Uhr von Karlsruhe wieder zurück nach Stuttgart fährt und um 8:35 Uhr wieder in Mühlacker ist. Wenn wir die Fahrt nach Worms abbrechen und von Bretten wieder nach Mühlacker zurückfahren, müssten wir das schaffen. Machen wir.
Im saukalten Bretten radeln wir zu einem Bäcker-Container, um uns wenigstens ein bisschen aufzuwärmen. Dann fahren wir wieder zurück nach Mühlacker. Der Plan: Wieland fragt den Lokführer, ob bei ihm ein Handy abgegeben wurde; ich lasse mir am anderen Zugende die Lichtschranke sperren und suche da, wo ich vorher saß, mein Handy.
Das Ergebnis: weder vorne noch hinten ein Handy.
Ohne Handy weiterfahren nach Worms? Nein, ich sehe noch eine weitere Möglichkeit: Vielleicht wurde das Handy in Karlsruhe abgegeben.
In Karlsruhe wurde das Handy auch nicht abgegeben.
Ich bekomme eine Visitenkarte vom Fundbüro der Deutschen Bahn. Egal, wo das Handy abgegeben wird, da landet es spätestens am Montag. Sagt zumindest der Mann am Servicepoint.
Die Fahrradplanung haben wir mittlerweile komplett gedreht: Die Idee ist jetzt, heute von Karlsruhe nach Kaiserslautern zu radeln und morgen Nachmittag von Kaiserslautern nach Worms. Ich hab zwar kein Handy mehr, aber flexibel bin ich noch. Mit dem Handy hab ich grad keine weitere Idee, also: Radtour nach Kaiserslautern starten.
Es ist zehn Uhr, als wir endlich in Karlsruhe losradeln (nicht drüber nachdenken, dass wir dafür vor sechs Uhr aufgestanden sind…). Wir radeln aus der Stadt raus und ein Stück am Rhein entlang bis zu der Fähre, mit der wir über den Rhein übersetzen wollen. Über Lauterbourg und Wissembourg (wir freuen uns schon sehr auf eine französische Boulangerie) und durch das Dahner Felsenland (wo ich tatsächlich noch nie war) wollen wir nach Kaiserslautern radeln.
Die Fähre fährt nicht.
Was. Für. Ein. Scheißtag.
Der Fluss hat wenig Wasser, aber das Fahrrad über den Rhein tragen ist trotzdem keine Option.
Nach einer kurzen Pause im Gebüsch reift in mir in die Entscheidung: ich breche ab. Die nächste Fähre ist unendlich weit weg, die nächste Brücke ist auch so weit weg, dass man auf keinen Fall mehr die geplante Tour schaffen würde. Und meine Bedenken werden immer größer, dass vielleicht mittlerweile jemand mit der Zahlfunktion meines Handys auf Shoppingtour ist. Wenn das Handy offenbar nirgendwo abgegeben wurde, wurde es vielleicht doch geklaut. Vielleicht von irgendeinem IT-Nerd, der es entsperren kann? Also erst zur Polizei Anzeige erstatten und dann heim, schauen, ob man das Handy orten kann. Die Anrufe auf mein eigenes Handy führen zu nichts.
Schweren Herzens verabschiede ich mich von Wieland und fahre den selben Weg zurück nach Karlsruhe. Geographen hassen es, den selben Weg zurückzufahren. Aber heute gibt es noch schlimmeres.
Unterwegs kreuzt vor mir eine schwarze Katze die Straße.
Das macht jetzt auch keinen Unterschied mehr.
Am Servicepoint in Karlsruhe nichts Neues. Aber ich habe noch eine Idee: Das Handy könnte auch ja in Pforzheim abgegeben worden sein, wo der Zug ebenfalls gehalten hat. Ich frage im Servicepoint, ob es in Pforzheim ein Reisezentrum gibt. Gibt es, aber gehört zu einem anderen Unternehmen (DB Vertrieb) und kann deshalb nicht kontaktiert werden. Klar. Warum sollte die Deutsche Bahn die Deutsche Bahn kontaktieren können. Pünktliche Züge betreiben kann sie ja auch nicht.
Also fahre ich nach Pforzheim. Vom Reisezentrum werde ich zum Infocounter auf Gleis 2/3 geschickt. Weder hier noch dort wurde etwas abgegeben. Ich klingele bei der Bundespolizei auf Gleis 1. Da wurde auch nichts abgegeben. Na dann: Landespolizei. Anzeige erstatten. Der Tatbestand heißt Fundstückerschleichung. Oder so ähnlich. Ich bekomme ein Aktenzeichen und einen Kontakt bei der Bundespolizei in Karlsruhe, wo ich am Montag nochmal nachfragen kann.
Dann gibt es für mich nichts weiter zu tun, als mit einem überfüllten ewig verspäteten Zug nach Hause zu fahren, wo ich um 15 Uhr endlich ankomme. Gen Z regelt, Bundesliga spielt, Halloween eskaliert: es ist wahrlich kein angenehmer Samstag, um die ganze Zeit mit überfüllten, verspäteten Regionalzügen hin und her zu fahren.
Erste Erkenntnis daheim im Internet: Ich kann nicht im Online-Banking nachschauen, ob schon jemand mit meinem Handy bezahlt hat, weil ohne Handy keine Zweifaktorauthentifizierung, also kein Zugriff aufs Onlinebanking… Das Uralthandy mit dem kaputten Akku wieder in Betrieb setzen, den Laptop starten, auf einen unseriösen Handystandort-Anbieter reinfallen und dann herausfinden: es ist ziemlich einfach, sein Android-Handy zu lokalisieren (www.android.com/find). Ich lasse das Handy sperren, damit niemand Unfug damit treiben kann. Man kann sogar einen Text aufs Display schicken. Irre, dieses 21. Jahrhundert.
Ich bin ziemlich überrascht vom aktuellen Standort meines Handys: Das Handy ist weiterhin in einem RE 1 von Arverio unterwegs. Es fährt schon den ganzen Tag zwischen Karlsruhe, Stuttgart und Aalen hin und her. Aktuell ist es auf dem Weg durchs Remstal nach Aalen.
Der Zug mit meinem Handy wird in Aalen auf Gleis 2 ankommen. Schnelle Recherche: Wann fährt der nächste Zug von Gleis 2 in Aalen zurück nach Stuttgart, sodass ich da das Handy einsammeln kann? Gar nicht. Es gibt nur Züge von Gleis 1 und Gleis 3, keiner passt zu der Garnitur, in der mein Handy liegt (weil Abfahrt vor dessen Ankunft oder Zug von weiter nördlich kommend).
Ich versuche es mal wieder bei der Hotline von Arverio (mein Dienstlaptop hat eine Telefonierfunktion). Und erhalte die überraschende Antwort, dass Arverio nicht nur kein Fundbüro hat und keine Kontaktaufnahmemöglichkeit mit dem Zugpersonal hat (das wusste ich schon vom Anruf heute Morgen), sondern, dass die Hotline auch keinen Zugriff auf den Umlaufplan hat. Bitte was? Der Kollege, mit dem ich heute Morgen telefoniert hatte, hatte doch genau das und konnte mir sagen, wann der Zug mit meinem Handy wieder in Mühlacker ist. Kann nicht sein, sagt die Kollegin. Also entweder der heute Morgen hat mich verarscht und wir haben in Mühlacker im falschen Zug gesucht, oder die jetzt hat keine Ahnung. Dieser Tag macht mich wahnsinnig.
Es passiert, was passieren musste: Der Zug mit meinem Handy rollt in Aalen auf ein Abstellgleis und chillt.
Und chillt.
Und chillt.
Was soll ich jetzt machen? Warten, ob sich der Zug irgendwann doch wieder in Bewegung setzt oder nach Aalen fahren und schauen, ob ich da einen Arverio-Mitarbeiter finde, der mich in den abgestellten Zug begleiten kann?
Ich schaue, wann ich aus dem Haus muss, um in Stuttgart den nächsten schnellen Zug nach Aalen zu kriegen: in 2 Minuten. Wow. Ich stopfe alles in einen Rucksack, was mir sinnvoll erscheint und renne los. Im Nachhinein betrachtet eine gute Idee, dass ich an Powerbank und Laptop gedacht habe. Eine schlechte Idee, dass ich nichts zu trinken und lesen dabei habe.
Ich krieg den Zug – und muss aufs Klo, dafür war daheim keine Zeit mehr. Die Toilette im Zug ist - wie schon in allen anderen Zügen heute - kaputt. Seit Toilettenbesuche am Bahnhof 1,50 € kosten, bevorzuge ich, die Zugtoilette von Zügen, die noch länger im Bahnhof stehen, zu nutzen. Ich finde in Stuttgart aber keinen Zug mit funktionierender Toilette… Also 1,50 € berappen. Und dann in den mittlerweile deutlich verspäteten RE nach Aalen steigen. In dem zum Glück die Toilette kaputt ist, sonst hätte ich mich geärgert.
Wegen einer Baustelle in Schorndorf hält der Zug zwischen Endersbach und Schwäbisch Gmünd nicht. Direkt nach der Abfahrt in Endersbach schickt mir Wieland einen Link (dank Laptop habe ich Whatsapp-Zugriff): man kann Online (bahn.expert) den Umlaufplan von Arverio einsehen!
Und so erfahre ich, dass die Garnitur mit meinem Handy um 18:01 Uhr Aalen verlassen wird. Ich sollte also in Schwäbisch Gmünd umsteigen. Da würde ich laut Fahrplan um 17:41 Uhr ankommen. Mittlerweile sagt die Echtzeitangabe: 18:05 Uhr Ankunft in Schwäbisch Gmünd. Der Gegenzug kommt um 18:15 Uhr. Kein Problem.
Dachte ich.
Mein Scheißzug sammelt immer mehr Verspätung ein. Der Lokführer wollte schon in Stuttgart nicht mit mir reden und hat auf einen Zugbegleiter verwiesen, den es nicht gibt. Es ist also wie so oft beim Bahn fahren: Ich kann nur hoffen.
Wie so oft: Umsonst gehofft.
Kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Schwäbisch Gmünd kommt ein Zug entgegen. Der mit meinem Handy.
Fuck.
Ich hätte einfach daheim warten (oder den Umlaufplan-Link früher selber finden) sollen. Was für ein verdammter Scheißtag. Alles umsonst.
Ich warte auf den nächsten MEX zurück nach Stuttgart, den RE mit meinem Handy kann ich da aber nicht mehr einholen. Der fährt weiter nach Karlsruhe und zum Glück von dort gleich wieder zurück. Nächste Chance auf mein Handy in Stuttgart: 20:59 Uhr. Halt immer vorausgesetzt, es klaut vorher niemand.
Ich suche verschiedene Fahrplanoptionen, zwischendurch nach Hause zu fahren. Aber ich traue der Bahn nicht zu, mich von Esslingen zuverlässig zu meinem Handy nach Stuttgart zu bringen. Lieber gammele ich zwei Stunden in Stuttgart rum.
Polizeigroßeinsatz, Böller, Halloweenmonster: Wirklich angenehm ist die Atmosphäre in der Stuttgarter Innenstadt nicht. Aber was ist heute schon angenehm.
Auf dem Weg zurück zum Bahnhof begegne ich noch einem lieben Kollegen. Sich in der Stadt treffen klappt also auch ohne Handy.
Zurück im Bahnhof klappe ich den Laptop auf. Bei sämtlichen DB-Zügen funktioniert das Wlan nicht. Nur da, wo ein Arverio-Zug in der Bahnhofshalle steht, kann ich den Handy-Standort aktualisieren. Glück gehabt: das Handy ist noch im Zug, der gleich auf Gleis 14 ankommt.
Der Zug ist genauso überfüllt wie schon den ganzen Tag - diesmal mit Halloween-Monstern. Die Toilette ist genauso kaputt wie schon den ganzen Tag. Mein Handy ist im Zug, wie schon den ganzen Tag. Aber wo?
Als der Zug endlich leer ist, gehe ich rein an den vertrauten Platz - und finde das Handy wieder nicht, wie schon zwölfeinhalb Stunden vorher in Mühlacker. Ich springe hoch zur Gepäckablage - da hat es niemand reingelegt. Ich schaue unter den Sitz - nichts. Ich gehe der Vermutung nach, die ich seit ein paar Stunden habe - nein, es ist auch nicht in die Nische neben dem Sitz gefallen.
Die Lösung ist noch absurder: es ist in den Sitz gefallen! Der Sitz lässt sich hochklappen, beim Klappen öffnet sich eine kleine Nische, und durch diese Nische ist mein Handy in die Sitzschale gerutscht. Das war das dumpfe Geräusch, das ich nicht verorten konnte. Jetzt gibt es nur noch ein Problem: ich krieg das Handy nicht raus.
Ich fummele mit meinen Fingern in der Nische rum, ich wackele am Sitz herum, ich greife von der Rückseite - und irgendwann hab ich es. YES! Der beschissenste Tag des Jahres hat ein happy end.
Dachte ich.
Geschlagene 40 Minuten muss ich noch im nervigsten Bahnhof Deutschlands ausharren, bis endlich ein Zug nach Esslingen fährt. Laut Fahrplan hätte es in der Zwischenzeit zwei andere geben sollen. Mit dem Fahrrad wäre ich längst daheim und hätte gute Laune. So bin ich zum x-ten Mal heute stinksauer. Auf meine eigene Dummheit, auf die Unfähigkeit der Bahn, auf die Fähre, auf den Winter, auf die Baustelle in Schorndorf... Es war ein sehr wütender Tag mit sehr vielen Anlässen, schlecht gelaunt zu sein. Aber er endet mit Handy. Und mit einer E-Mail an das Polizeipräsidium in Pforzheim: Das Handy wurde im Arverio-Zug gefunden. Ich ziehe die Anzeige zurück.
Der beschissenste Tag des Jahres ist vorbei. Was soll jetzt noch kommen?
November.
Am nächsten Morgen, dem 1. November, fahre ich mit der Bahn nach Kaiserslautern. Diesmal wirklich.





