Ankunft in Istanbul
Ich war davon ausgegangen, dass die sehr lange, 2023 eröffnete Metrostrecke vom Flughafen in die Stadt oberirdisch ist und wir was von den Vorstädten sehen. Ist leider nicht so: sie haben einen 52 Kilometer langen Tunnel durch teilweise noch nicht bebautes Gebiet gegraben. Wahnsinn. Ging wahrscheinlich schneller, als in Deutschland einen einzigen unterirdischen Bahnhof zu bauen... In 72 (!) Metern Tiefe unter dem Stadtteil Beşiktaş - neben Galatasaray und Fenerbahçe einer der Istanbuler Stadtteile, von denen Fußballfans schonmal was gehört haben - erreichen wir die Endstation und müssen umsteigen von der Linie M11 auf die Linie M2. Was eine längere Wanderung über diverse Rolltreppen und lange Gänge bedeutet. Die moderne U-Bahnarchitektur der M11 gefällt uns besser als der protzige Flughafen, die Umstiegswanderung wird also von Fotostopps unterbrochen. Mit der M2 geht es weiter Richtung Innenstadt, was auch immer man in dieser Riesenstadt als Innenstadt bezeichnet. Unterwegs kommen wir einmal kurz an die Oberfläche - auf einer Brücke über das Goldene Horn. Akute Reizüberflutung mit Blick auf Galataturm, Hagia Sophia, Topkapipalast und diverse Moscheen, nach einem kurzen Halt auf der Brücke verschwindet die Bahn dann wieder im Tunnel und die Augen können sich wieder entspannen. Nächster Umstieg in Yenikapi, wieder eine richtig hübsche Station. Über dem Metrobahnsteig viel blaue Kunst. Ein paar Rolltreppen weiter in der Empfangshalle der Marmaray-Bahn kommen wir uns vor wie in einem ägyptischen Museum. Unten auf dem Bahnhof sympathische Livemusik und noch mehr altägyptische Kunst. Die Marmaraybahn fährt uns jetzt unter dem Bosporus durch. Das heißt: wir steigen in Europa ein und ein paar Minuten später in Asien wieder aus. Das ist dann auch erstmal der letzte Ausstieg: vom Bahnhof Söğütlüçeşme kommen wir zu Fuß ins Hotel. Etwa zwei Stunden werden wir dann unterwegs gewesen sein ab dem Flughafen. Obwohl wir fast nur unterirdisch waren, war es trotzdem spannend.
Istanbul mit der Straßenbahn
Wer mich kennt, der weiß: ich will immer überall alle Straßenbahnen fahren und so alle Facetten der Stadt kennenlernen, nicht nur die touristischen Innenstadtviertel. Das gilt natürlich auch für Istanbul. Dort gibt es mittlerweile fünf Straßenbahnlinien: die T1 ist eine "ganz normale", sehr stark frequentierte, Straßenbahn, die viele touristische Highlights miteinander verbindet. Die T2 und T3 sind quasi für Touristen gebaut: mit historisierten (T2) bzw. tatsächlich historischen (T3) Zweiachsern kann man durch die Fußgängerzone zum Taksim Square (T2) bzw. rund um Kadiköy (T3) gurken. Und dann gibt es da noch die T4 und T5. Die sind touristisch weniger interessant, aber stehen noch auf meiner Bucketlist (T1-T3 habe ich schon bei früheren Besuchen in Istanbul komplettiert). Heute ist es so weit 🤩 Mit dem Metrobüs fahren wir erstmal auf der beeindruckend hohen Brücke über den Bosporus, dann geht es mit der T4 in die nordwestlichen Vorstädte. Leider erwischen wir einen modernen Niederflurwagen (genaugenommen sind drei Stück aneinandergekoppelt), auf der T4 fahren auch aus Köln übernommene B-Wagen, die wäre ich natürlich lieber gefahren... Die Kölner Triebzüge mussten sich gar nicht so groß umgewöhnen nach dem Verkauf in die Türkei: sowohl die mittelschöne Ausfallstraße als auch der Bevölkerungsmix in der Bahn erinnern durchaus an Köln: Junge Mädchen mit Smartphone, alte türkische Omas mit Kopftuch, mittelalte Männer mit Regenschirm. Wie daheim. Sozusagen: Heute fährt die 18 bis nach Istanbul.
Anders als in Deutschland ist die Ballung von Geschäften des selben Typs: wir fahren zum Beispiel an einer Ansammlung von etwa 20 Autowerkstätten entlang. Ähnlich wie im großen Basar, wo es pro Produkt eine Ladenzeile gibt. Zum Glück gibt es auch eine solche Ballung von hübschen Cafés, da lohnt sich ein Aufenthalt. Nach der Kaffeepause fahren wir ein paar Stationen mit der 2020 eröffneten, vollautomatischen Metrolinie 7. Wieder ist die Station sehr tief im Untergrund. Erstmals können wir die Lokührerperspektive in die Tunnelröhre genießen und filmen. Die Metro bringt uns zur Straßenbahn T5, die erst vor wenigen Jahren eröffnet wurde. Moderne türkische Niederflurbahnen rollen am Ufer des Goldenen Horns entlang. Der Blick auf das Wasser soll offenbar von keiner Oberleitung gestört werden, deshalb wird die Bahn von einer Mittelschiene von unten mit Strom versorgt. Die Strecke ist sehr schön, viele Parkanlagen säumen das Ufer, wo einst viel Industrie stand. Am gegenüberliegenden Ufer blickt man auf Transportmuseum, Neubauten und Baustellen. Endstation ist direkt an der Galatabrücke. Da gibt es erstmal einen "Fischdöner", bevor wir wieder nach Asien übersetzen. Am Abend lassen wir es uns nicht nehmen, nochmal mit der alten Straßenbahn durch Kadiköy zu gurken (T3). Der grüne Zweiachser fuhr einst durch Jena, heute darf er statt auf die Saale auf den Bosporus blicken. Die T2 sehen wir morgen Vormittag bei einer Stadtführung, mit der T1 sind wir ohnehin schon am ersten Abend gefahren.
































