3 Stunden 20 Minuten fährt man von der einen irischen Welt in die andere. Der Großraum Dublin und der irische Westen sind so unterschiedlich, dass man kaum glauben kann, dass sie im selben Land liegen. Hier Google und Microsoft, dort Schaf und Kuh. Der Übergang ist auch nicht wirklich fließend: mehr als drei Stunden Schafe, Kühe und Torf, dann kommen die ersten gesichtslosen Neubausiedlungen der Celtic Tiger-Ära, und schwupps ist man auch schon wieder in Dublin.
Der Zug ist einer der bequemen Koreaner, die hier den IC-Dienst versehen. Im Bahnhof Westport zeigt eine Infotafel die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit der Züge. Die Westport-Strecke hatte im vergangenen Monat 100 % reliability, es ist also nie ein Zug ausgefallen, aber mit 90,8 % 10-Minuten-Pünktlichkeit den schlechtesten Wert aller irischen Fernstrecken. Hach, was würde ich darum geben, diese Werte in Deutschland zu haben...
Aber wie das halt so ist mit meinem Karma: wir sind der eine von zehn und kommen mit zwölf Minuten Verspätung in Dublin Heuston an. 33 Minuten später fährt der Anschlusszug in Dublin Connolly. Das ist durchaus sportlich, liegen doch dazwischen zwei Fußwege und eine Fahrt in der überfüllten Straßenbahn. Aber wir schaffen nicht nur den Anschluss, sondern auch einen doppelten Espresso. Denn mittlerweile haben wir gelernt: Irland gehört zu den Ländern, wo man einen doppelten Espresso bestellen muss, wenn man einen einfachen Espresso will. Wenn man einen einfachen Espresso bestellt, wird der halbe Espresso weggeschüttet (bzw. bei der Siebträgermaschine die Tasse nur unter eine Öffnung gestellt). Leider schmeckt der Espresso absolut ekelhaft, Julias Einsatz hat sich nur bedingt gelohnt...
Es ist in Irland scheinbar üblich, dass die Eisenbahn direkt am Strand entlang fährt. Auch jetzt, zwischen Dublin und Belfast, fahren wir wieder direkt am Meer entlang, sehen aus dem Zugfenster Leuchttürme, Buchten und Strände. Es ist wieder so ein bequemer Koreaner, diesmal einer mit gastronomischem Angebot. Wir hätten uns den ekelhaften Espresso in Dublin also sparen können... Wir entscheiden uns gegen die rollende Minibar und laufen stattdessen bis in Wagen A - wenn es einen Speisewagen gibt, will ich den auch sehen. Der Speisewagen ist zwar nur eine bessere Snackbar, aber der frisch gebrühte Kaffee ist sehr lecker, und glutenfreie Knabbereien gibt es auch. Anders als bei der Busfahrt vorgestern merken wir dieses Mal den Grenzübertritt: in Nordirland sind die Gleise nicht verschweißt, der Zug rüttelt jetzt etwas. Der irische Norden ist deutlich urbaner - und recht hügelig.
Überraschend schnell erreichen wir Belfast. Letztes Mal sind wir mit dem Schiff (von der Isle of Man) angekommen und mit dem Zug weitergefahren. Dieses Mal kommen wir mit dem Zug an und fahren mit dem Schiff weiter (nach Schottland). Aber erst morgen früh. Den Rest des Tages haben wir jetzt Zeit, uns die berühmt-berüchtigte nordirische Hauptstadt anzuschauen.
Der Bahnhof von Belfast ist neu, aber nicht wirklich schön. Und Elektromobilität wäre auch bei der Eisenbahn ein Segen... Die Eindrücke vom Bahnhof setzen sich in der Stadt fort: es stinkt nach Dieselmotoren und es ist hässlich. Aber dieses hässliche ist sehr schnell auch spannend. Baulücken, die als Parkplätze dienen. Baulücken, in denen Europaletten für das nächste Bonfire gesammelt werden. Kaputte Häuser, die durch Eisengerüste gestützt werden. Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor? Ja, das sieht hier aus wie in den USA! Insbesondere Detroit-Vergleiche drängen sich auf, aber die Architektur erinnert generell an US-Städte. Nach dem Check-In im Hostel - typisch Belfast: die Protestantin und der Katholik dürfen nicht nebeneinander schlafen, sondern werden in einem Hochbett getrennt - spazieren wir zurück in die Innenstadt, und sind zunehmend begeistert von der Stadt. Nicht nur weil es Greggs und Tim Horton's gibt (beide Ketten sind bei mir mit positiven Erinnerungen verbunden). Belfast ist eine quirlige Partystadt mit uralten Pubs (der älteste stammt von 1630), wunderschönen Pubs (im schönsten von allen werden wir später noch einkehren) und vielen schönen Wandgemälden. Von der Aussichtsplattform im Einkaufszentrum am Victoria Square verschaffen wir uns einen Überblick über die Stadt, die wirklich sehr kompakt ist und sehr schön zwischen Meer und Hügeln eingebettet. Eine wirkliche Altstadt gibt es nicht, aber es gibt mehrere repräsentative Gebäude aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg, als Belfast eine richtig reiche Stadt war. Dass es das heute nicht mehr ist, sieht man der Stadt an. Das macht sie aber nicht weniger sympathisch.












