Nordirland: Über den Giant’s Causeway nach Derry-Londonderry

Nach nicht einmal 15 Minuten Fußweg vom Hafen, wo wir mit der Isle of Man Steam Paket anlegten, erreichen wir die kleine York Street Train Station. Julia kauft Kaffee, ich kaufe Fahrkarten - eine Tageskarte für ganz Nordirland kostet gerade mal 10£! Und schwupps sitzen wir auch schon im bequemen beheizten Zug Richtung Portrush. That was easy. Erste Eindrücke Nordirland: überall liegt Dreck rum, Belfast ist sehr viel schmutziger als Dublin. Dafür sind die Ampelschaltzeiten deutlich fußgängerfreundlicher. Anders als auf der Isle of Man verstehen wir wieder Englisch. Und erstmals wird die Frage "how are you doing?" tatsächlich immer ernsthaft beantwortet.

Nach erfolgreicher Gepäckabgabe im Bahnhof in Portrush - eigentlich ist das nicht erlaubt, aber die nette Dame am Schalter macht für uns eine Ausnahme und schließt die Rucksäcke in einen Nebenraum - bekommen wir den nächsten Bus zum Giant's Causeway. In Bushmills soll um 12:30 Uhr eine kleine Bahn nach Giant's Causeway starten. Die möchte ich gerne fahren. Also steigen wir aus dem Bus aus und checken den Fahrplan. Dort steht: Nächste Abfahrt 13:30 Uhr.

Leider geht sich das mit unserem Zeitplan nicht aus, da wir um 15:45 Uhr wieder in Portrush sein müssen, um dort unser Gepäck zu bekommen. Danach macht die Dame im Bahnhof Feierabend. Also spazieren wir durch Bushmills (und kaufen Whiskey aus der angeblich ältesten Destille der Welt), um die Zeit bis zum nächsten Bus totzuschlagen.

Der Giant's Causeway ist so beeindruckend wie erwartet. Tausende Basaltsäulen ragen aus dem Meer und werden von Tausenden Touristen bestiegen. 

Zurück nach Portrush fahren wir wieder mit dem bequemen Elektrobus - vorher will ich die Heritage Railway aber zumindest noch fotografieren, wenn wir schon nicht mit ihr fahren können.

Wir wissen mittlerweile, dass es die 10£-Tageskarte nur an Sonntagen gibt. Die meisten Busfahrer wissen nicht, dass das Ticket nur in Zügen gilt. Also durften wir nach Bushmills und zum Giant's Causeway kostenlos mitfahren und haben uns am Causeway außerdem die 15£ Park- und Eintrittsticket gespart. Und auch für die Gepäckaufbewahrung am Bahnhof Portrush haben wir nichts gezahlt.

Das schönste, was wir mit dem 10£-Ticket gemacht haben, war die nachmittägliche Bahnfahrt nach Derry-Londonderry (katholische republicans sagen Derry, protestantische unionists sagen Londonderry, offiziell heißt die Stadt Derry Bindestrich Londonderry, man nennt sie deshalb auch die („Bindestrichstadt“). Ein weiterer Höhepunkt an einem Tag voller Höhepunkte. Während andere im kalten Wasser ihre Züge tun, fahren die Züge direkt am kalten Wasser entlang. Noch näher am Strand als mit der Eisenbahn kann man nicht sein. Eine wunderschöne Strecke, zumal die Sitze der nordirischen Züge sehr bequem und die Fenster groß sind. 

Am Streckenende in der Bindestrichstadt überrascht mich der Bahnhof so sehr, wie mich schon lange kein Bahnhof mehr überrascht hat: ein wunderschönes großes Gebäude, viel modernes Holz, viel Grün, eine Fahrradwerkstatt, wie immer in Irland saubere kostenlose Toiletten und viel Service - und das, obwohl hier nur einmal pro Stunde ein Zug nach Belfast startet. Beeindruckend. 

Der Seitenausgang führt direkt auf den Greenway, der wiederum direkt zur schicken Rad- und Fußgängerbrücke führt, die uns in die Innenstadt auf der anderen Flussseite bringt. Vorher muss ich natürlich nochmal unseren Zug fotografieren, als er Richtung Belfast unter uns durchrattert.

Derry-Londonderry besitzt die letzte noch vollständig erhaltene Stadtmauer Irlands, nach dem Abendessen laufen wir auf ihr eine Runde um die Altstadt. Wobei man sich die Stadtmauer eher wie einen breiten Fußgängerboulevard vorstellen muss. Von der Stadtmauer blickt man Richtung Westen auf die protestantischen Viertel - und wird dort informiert, dass "between 1971 and 1991 the protestant population of the Cityside declined by 83,4 % as a result of Republican violence". Das ist also die Gegengeschichte zur "Free Derry"-Erzählung der Katholiken in der östlich der Stadtmauer gelegenen Bogside, die wir uns vorher auf Infotafeln durchgelesen haben und morgen im Free Derry Museum vertiefen werden. Die neuere Geschichte Nordirlands lässt sich in Derry-Londonderry genauso spannend und erschütternd erleben wie in Belfast.